Anleitung zur Gründung einer Sekte – ein kritisch-ironischer “Leitfaden” zur Funktionsweise von Sekten

von Michael Weick.

Schaut man sich auf der Suche nach einer guten Geschäftsidee um, so scheint es heutzutage schwieriger denn je, ein funktionierendes Geschäftsmodell neu am Markt zu etablieren. Dieses gilt insbesondere auch dann, wenn man größere Investments vermeiden möchte; doch selbst mit diesen muss der Weg nicht zwangsläufig zum Erfolg führen, wie die Idee des Cargolifters einst eindrucksvoll illustrierte. Im Idealfall könnte dies daran liegen, dass Kunden heute anspruchsvoller auftreten und selber Situationen, Produkte und Dienstleistungen bewerten möchten. Oder dass ein Angebotsüberhang allerorts am Markt besteht und die verfügbaren Geldmittel nicht im selben Maß gesteigert wurden. Was könnte daher näher liegen, eine Geschäftsidee am Markt zu etablieren, deren Produkte und Konstrukte sich einer direkten Bewertung seitens der Konsumenten völlig entziehen? Und tatsächlich: Besucht man eine der seit vielen Jahren florierenden Esoterik-Messen der Republik, so sieht man sich schon nach kurzer Zeit einer ganzen Armada solcher nicht zu bewertender Produkte gegenübergestellt. Aber auch die meisten der erfolgreich agierenden Glaubensgemeinschaften, Kirchen und Sekten fallen eindeutig in diese Kategorie. Scheint deren Markt auf den ersten Blick zu schrumpfen, so liegt hier doch ein gigantisches Potential brach, das der Natur des Menschen geschuldet ist und von Seiten der Esoterik-Anbieter erfolgreich bedient wird. Wollen Sie daher nicht den zwanzigsten Aufkleber designen, der die immanente Macht trägt, seinen Verwender sicher vor allem Unbill der mobilen Kommunikations-Technologie zu schützen – sofern im rechten Winkel auf den Akku des Smartphones geklebt – sondern sich, getreu dem Motto „nicht kleckern, sondern klotzen“, noch zu Lebzeiten ein ewiges Denkmal setzen, so ist es Ihnen unbenommen, in die Fußstapfen bekannter Religionsstifter zu treten und Ihre eigene wachsende Sekte zu begründen. Das Rüstzeug dazu erhalten Sie hier in diesem Artikel.

Als Gründer oder Gründerin einer Sekte verfolgen Sie mit Wohlwollen, dass heutzutage den tradierten Religionen Scharen von einst treuen Mitgliedern verloren gehen und sehen darin Ihre Chance, denn die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen nach gelebter Spiritualität bleiben unbefriedigt zurück. Diese große Lücke wollen Sie mit einer eigenen überragenden Lehre füllen, die Sie dann mit autobiographischen Schlaglichtern in eine Art von „Storyline“ integrieren werden. Gründe hierfür können in persönlichem Machtstreben oder pathologischem Narzissmus liegen, vereinzelt soll es aber auch schlicht um Geld gehen… Um diese Ziele zu erreichen, müssen Sie zwangsläufig eine kritische Masse an Mitgliedern rekrutieren und es schaffen, diese dauerhaft in Ihrem Dunstkreis zu halten, dann, ja dann haben Sie den Grundstein Ihres eigenen Sektengebäudes gelegt. Allen Religionen ist die Funktion gemein, den Menschen Erlösung anzubieten, so auch Ihrer, denn das Leben bleibt auch über den Tod hinaus bestehen und die Qualität dieses Lebens wird maßgeblich durch unser heutiges Leben bestimmt. Aber seien Sie gewarnt: Die Geschichte ist voll von Religionsstiftern, die ihr Leben als Märtyrer beendet haben…

Hinweise zur Lehre: Diese muss zu Beginn einen Allgemeinplatz aufgreifen und diesen dann im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals in eine extreme Richtung lenken, wodurch sich die Lehre vollständig von den Erfahrungen der Menschen abstrahiert und dadurch nicht mehr bewertbar wird. Der Lieferant dieser Lehre bleibt im Dunkeln; allenfalls von göttlichen Offenbarungen, Engelsvisionen oder Channelings kann vage gesprochen werden. Am Ende muss eine „Heilige Schrift“ in Buchform herauskommen, denn die Menschen wollen es auch heute noch manuell begreifen und niemand stellt sich einen eBook-Reader auf den Hausaltar… Auch für die horizontale Verbreitung, sprich Missionsarbeit, ist so ein Buch Gold wert. Aus dem neu erschaffenen oder je nach Fantasiegrad synkretistisch zusammengestellten theologischen Gebäude müssen nunmehr eine rigide Moral sowie Rituale und Zeremonien abgeleitet werden, die sich im Laufe der Zeit in den Vordergrund drängen werden. So können Sie Vorschriften bezüglich Kleidung und Moden sowie erlaubter und verbotener Nahrungsmittel und Getränke einführen, was einen Dauerbrenner seit Jahrtausenden darstellt. Wer einen Bart trägt, ohne eine schriftliche „Bartberechtigungserlaubnis“ zu besitzen, darf beispielsweise nicht an einer privaten Universität im US-Bundesstaat Utah studieren… Diese starren Regeln und Vorschriften dienen dem Gehorsam zu den Führern und der Abhängigkeit von der Sekte, wodurch eine Verhaltensänderung im Sinne der Führer bewirkt werden soll.

Früher oder später ist jeder Gründer einmal verstorben und dieser Event markiert einen der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte der Sekte. Wird es Ihnen bis dahin gelungen sein, eine Organisation mit so viel Momentum aufzubauen, dass die gewonnenen Mitglieder auch ohne Ihr aktives Zutun  weiterhin gerne dabeisein wollen? In diesem Fall ist darauf zu achten, dass der Zugang bestimmter Mitglieder in die Elite der Organisation von oben bestimmt wird, damit der Machterhalt gesichert bleibt. Das Management stellt sich als legitimer Erbe des Gründers dar, insbesondere um Abspaltungen unzufriedener Mitglieder zu verhindern, und beweist diesen Status am besten durch „fortlaufende Offenbarungen“, d.h. die geheime Quelle hat die Organisation als legitimes Sprachrohr akzeptiert. Die obere Führung der Organisation agiert stets im Geheimen. Niemand weiß, wie diese arbeitet, so dass Raum für Fantasien der Mitglieder verbleibt. Diese Fantasien führen oft zu irrationalen Vorstellungen, beispielsweise, dass alle getroffenen Entscheidungen gottgewollt seien. Viele Entscheidungen werden nur vage verkündet, damit die Mitglieder ihre eigenen Fantasien hineinprojizieren können. Auf diese Art und Weise soll erreicht werden, dass die Mitglieder glauben, sie hätten Kontrolle und träfen eigene Entscheidungen. Hierdurch wird eine Art von „Sekten-Ich“ internalisiert, das auf die Mitglieder anschließend  kontrollierend wirkt. Dieser Prozess kann nicht ohne eine unbewusste Zustimmung der Mitglieder geschehen; diese unbewusste Zustimmung passiert, wenn jedes einzelne Mitglied alle Entscheidungen von oben als für sich gültig annimmt und sich zu eigen macht. Durch diese Mechanismen wird es möglich, die Organisation auf zukünftige Herausforderungen anzupassen, um immer aktuell und schlagkräftig zu wirken. Dieses kann jedoch so weit gehen, dass selbst der Gründer nach einigen Jahrzehnten seine eigene Kirche nicht mehr erkennen könnte…

Besonderes Augenmerk ist auf das Marketing zu legen, da mit diesem Wachstum und Zukunftsfähigkeit Ihrer Sekte bestimmt wird. Generell wird zwischen vertikaler und horizontaler  Verbreitung unterschieden, der Königsweg besteht aus beidem: Die Mitglieder sollen viele Kinder bekommen, die dann in der Glaubensgemeinschaft aufwachsen und dieser zu einem hohen Prozentsatz erhalten bleiben und gleichzeitig auch ihre Mitmenschen ansprechen und für die Kirche werben. Egal, was die Mitglieder machen, sie könnten stets mehr tun und erreichen, wenn ihr Glaube nur größer wäre! Auf diese Weise werden die Mitglieder dermaßen beschäftigt, dass sie gar keine Zeit haben, über Dinge nachzudenken oder diese zu hinterfragen und die Kirche wächst kontinuierlich weiter…

Ist noch die Frage offen, warum Menschen sich einer solchen Sekte anschließen und oftmals lebenslang mit großer Freude ihre Mitgliedschaft genießen. Durch das Eintreten in die Sekte hat man der Welt den Rücken zugewandt und wurde zu einem Auserwählten Gottes (oder eines anderen “Führers”), der es ab jetzt „richtig macht“. Wirkte die Welt vorher komplex, paradox und verwirrend, so werden in der Kirche komplexe Erfahrungen auf einfache Gegensätze reduziert, wodurch eine Traumwelt entsteht, in der alles in richtig und falsch eingeteilt werden kann. Das Mitglied tauscht quasi seine Zeit, seine Talente und insbesondere seine Geldmittel dafür ein, um Teil dieses elitären  Gruppenerlebnisses zu werden, wodurch ihm ein Leben bei Gott in den höchsten Himmeln verheißen wird. So gibt es Mitglieder, die in der realen Welt in einer professionellen Rolle beispielsweise als Arzt oder Staatsanwalt, erfolgreich tätig sein können; andere schaffen diesen Spagat nicht und leben ausschließlich in der Traumwelt, können dadurch im Alltag nur stark verzerrt selber bewerten und leiden unter der Ver- und Missachtung ihrer Mitmenschen, was sogar zu Erkrankungen seelischer und körperlicher Art führen kann. Nur in der Kirche fühlen sie sich dann sicher und gut verstanden…


Vielleicht wollen Sie an dieser Stelle gar nicht mehr selber eine Sekte begründen, kennen jedoch Menschen, die möglicherweise in den geschilderten Strukturen verstrickt sind und möchten diesen Hinweisen an die Hand geben. Hierzu haben wir ein PDF erstellt, das 23 Kennzeichen einer Sekte enthält. Gerne erhalten Sie dieses PDF auf Anfrage von uns kostenfrei per Mail zugesendet.