Wie bewertet Martin die Deutsche Bahn und was wäre sie ihm wert?

Von Hartmut Urban.

Martin, beruflich erfolgreich, aber noch voller Ehrgeiz weiterzukommen, fühlt sich verantwortlich für seine vierköpfige Familie. So irritieren ihn beispielsweise die vielen Steuern, Abgaben und Gebühren. In diesem Zusammenhang auf seine Meinung zum Staatskonzern „Deutsche Bahn AG“ angesprochen, hat Martin spontan kein Gefühl, wie er die Bahn für sich und die Situation seiner Familie bewerten soll, weil viel zu komplex. Martin weiß, die Bahn gehört zu 100 Prozent Deutschland, also dem deutschen Volk. Martin ist einer von den 73,8 Millionen Deutschen. Er, wie auch seine gesamte Familie, ist also Miteigentümer oder Shareholder. Martin erinnert sich: „Eigentum verpflichtet“. Doch was bedeutet das für ihn, der Bahn nicht nutzt und lieber Auto fährt?

Bisher ist völlig an ihm vorbeigegangen, dass die deutschen Steuerzahler jährlich rund 17 Milliarden an das Unternehmen „Bahn“ zahlen. Neu ist ihm auch, dass mit der sogenannten Bahnreform die Bundesbahn und die Reichsbahn mit zusammen 34 Mrd. Euro Altlasten vom Steuerzahler entschuldet wurden und dass inzwischen schon wieder 17 Mrd. Euro neue Schulden aufgelaufen sind. Diese abstrakt hohen Zahlen kann Martin nicht sofort bewerten; erst als er die rund 73,8 Millionen deutsche Staatsbürger mit den Milliardensummen in rechnerische Verbindung bringt und mit seiner Familie in Beziehung setzt, wird ihm klar, was das konkret heißt: 17 Mrd. jährlich bedeuten über 23 Euro pro Monat pro deutschen Staatsbürger, ob jung, ob alt. Also auch für ihn. Das sind über 90 Euro monatlich als rein rechnerischer Anteil für seine vierköpfige Familie, obwohl sie alle zu den über 90 Prozent der Deutschen gehören, die die Bahn so gut wie nie nutzen? Der seinerzeitige Schuldenabbau sowie die neu aufgelaufenen Schulden belasten den rechnerischen Anteil an Steuern seiner Familie mit noch einmal 270 Euro pro Monat für ein ganzes Jahr.

Bei solchen für ihn bewertbaren Summen fragt sich Martin: „Wie kann es dann zu den unzähligen Verspätungen kommen oder dass pro Woche – wie es heißt –  im Schnitt 200 Züge ganz ausfallen?“ Zudem sollen die  Sitzabstände von etwas über einem Meter beim ICE in der 2. Klasse auf  85,6 cm verringert werden, um so pro Waggon mehr Sitzplätze bei weniger Beinfreiheit anbieten zu können. Martin steht auf dem Standpunkt, Mobilität für Personen wie Waren sei für den Standort Deutschland wirklich wichtig – auf der Straße wie auf der Schiene. Doch dafür zahlt er ja KFZ- und Mineralöl-Steuern und auf diese Steuern noch einmal Mehrwertsteuer. Die Frage, ob der neue Stuttgarter Bahnhof S21 mit derzeit einmalig über 8o Euro pro Bundesbürger kalkuliert schon in der Gesamtrechnung der Deutschen Bahn enthalten ist, weiß Martin nicht zu beantworten. Doch das sind ja noch einmal mindestens 320 Euro, die der Staat von dem Steueraufkommen seiner Familie in den neuen Bahnhof steckt. Für ihn selbst und seine Familie ist es nicht von Interesse, ob die Fahrtzeit von Stuttgart nach Ulm um eine halbe Stunde verringert wird.

Neulich hatte Martin zufällig eine Sendung im Fernsehen verfolgt, wo so ein Prof. Christian Böttger von einer Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft verkündet hat, dass Milliarden der Instandsetzung und Erneuerung der Wegestrecken entzogen und zweckentfremdet im Ausland investiert würden. Wenig später las er in der Tageszeitung, die Europäische Kommission habe beschlossen, Deutschland wegen „vermuteter Wettbewerbsverzerrungen“ in Sachen unerlaubter Subventionen an die Deutsche Bahn AG vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen. In einer weiteren Sendung, so erzählt seine Frau, sei darüber berichtet worden, dass beispielsweise auch der Zug der englischen Königin sowie die berühmten roten Londoner Doppelstockbusse „Arriva AG“ gehörten, einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. In 15 europäischen Ländern, ja weltweit sei die Deutsche Bahn AG unterwegs, um Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Derzeit seien etwa 100.000 Mitarbeiter im Ausland für das deutsche Staatsunternehmen beschäftigt, ca. 200.000 in Deutschland.

 Martin weiß trotz der vielen Zahlen noch immer nicht, ob die 17 Milliarden an jährlichen Zuschüssen für die Bahn in Form von Steuergeldern gerechtfertigt sind, damit die Bahn weiter rollt, und ob die Gelder auch wirklich zweckbestimmt eingesetzt werden? Unübersehbar sind die vielen maroden Bahnhöfe und heruntergekommenen Bahnanlagen. Was er nicht sehen kann, erfährt er von einem Bekannten: Tausende von Stellwerken stammten noch aus der Kaiserzeit. Dann hört Martin noch, dass die Bezüge der Bahnchefs seit Anfang der 90er Jahre um das  Zwanzigfache gestiegen sind und sich die Zahlungen an die Vorstände verzehnfacht haben, doch was sagt das für sich genommen schon aus? Martin ist überzeugt, wer Verantwortung übernimmt und Leistung erbringt, muss auch entsprechend bezahlt werden. Da bildet für ihn das Bahnmanagement keine Ausnahme.

Ob – und wenn ja, inwieweit – die einzelnen Puzzle-Elemente schon ein stimmiges Gesamtbild für ihn ergeben könnten oder ob er als einer von 73,8 Millionen Shareholder von Deutschland noch weitere Informationen braucht, darüber hat sich Martin vorgenommen, bei Gelegenheit einmal in aller Ruhe ausführlicher Gedanken zu machen.