Steht beim ADAC das Mitglied wirklich „im Mittelpunkt“?

Von Hartmut Urban.

Martin war vor Jahren aufgrund einer Panne ADAC-Mitglied geworden. Das gute Gefühl, im Notfall von einem „gelben Engel“ Hilfe zu bekommen, begleitete ihn seither.  Doch der öffentlich gewordene Betrugsskandal und das Machtgehabe der ADAC-Spitze irritierten Martin. Den Wahrheitsgehalt des werbewirksamen ADAC-Leitsatzes, wonach dort das „Mitglied im Mittelpunkt“ stehen soll, will Martin für sich überprüfen und bewerten.

In seinen alten ADAC-Unterlagen findet Martin nicht, wo genau er als ADAC-Mitglied zuzuordnen ist. Bei seiner Recherche im Internet stößt er unter „Meine Mitgliedschaft“ nur auf ein Angebot der ADAC-Visa-Card mit 3% Tankrabatt. Unter „Mitgliedschaftsberater“ werden Martin die diversen Arten von Mitgliedschaften im ADAC offeriert, aber keine konkrete Beratung zu seiner bestehenden Mitgliedschaft. Plötzlich findet er unter den Suchbegriff „ADAC“ auch „Gau“. Martin erfährt, dass der ADAC in 18 Gaue/Regional Clubs bundesweit aufgeteilt ist.  Dazu fällt ihm ein, dass das Dritte Reich ebenfalls in Gaue unterteilt gewesen war. Ein Zufall? Eine weitere Parallele springt Martin ins Auge: So wie man damals undifferenziert einfach „im Namen des Deutschen Volkes“ sprach, so vertritt der ADAC heute ungefragt die Interessen der „deutschen Autofahrer“, ob Mitglied oder nicht. Martin fragt sich, wer hat eigentlich wann dem ADAC die generelle Verantwortung für alle Autofahrer übergeben?

In der Satzung des ADAC steht u.a., dass der Mitgliedsbeitrag des örtlichen Clubs „im ADAC“ schon im Mitgliedsbeitrag des ADAC enthalten sei. Ist Martin am Ende in zwei Vereinen Mitglied, ohne es selbst entschieden zu haben?  Ein Delegierter für die „Hauptversammlung“ eines der 18 Gaue vertritt  laut Satzung 50 ADAC-Mitglieder der örtlichen Clubs. Martin rechnet nach: Bei 18,9 Million angegebener ADAC-Mitglieder bundesweit verteilen sich im Schnitt also 1,05 Millionen auf die 18 Gaue. Die Hauptversammlung eines Gaus müsste demnach – wenn alle Gewählten erscheinen – allein 21.000 Delegierten Platz bieten. Dass das nicht funktionieren kann, liegt für Martin auf der Hand.

So wie Martin die weiteren Einzelheiten der Satzung liest, wirkt sie auf ihn eher als Schutz vor den Mitgliedern denn als Einladung zur Mitarbeit. Die Mitgliederversammlungen der Gaue – liest Martin weiter – sind unabhängig von der Anzahl der Erschienenen immer beschlussfähig. Also im Extremfall auch dann, wenn am Ende allein der Regionalvorstand selbst unvollständig erscheint und damit für 1,05 Millionen Entscheidungen trifft! Die Vorstände der Gaue wie die Delegierten werden auf vier Jahre gewählt.

Martin hat aber nicht vor, in dieser seiner Meinung nach mitgliederfeindlichen Vereinsstruktur möglicherweise bis zum Eintritt seiner Altersrente alle vier Jahre einen neuen Versuch zu starten, in der für ihn verkrusteten Hierarchie irgendwann einmal eine Stufe höher in der ADAC-Vereinsstruktur zu kommen, um irgendwann einmal seine Kompetenz nutzbringend für den Verein einbringen zu können. So wird es wohl auch anderen gehen, die aktiv werden wollten. Die jahrelang geheim gehaltene unglaublich niedrige Beteiligung von ADAC-Mitgliedern an der Abstimmung zum „Gelben Engel“ spiegelt nach Ansicht von Martin das wahre Ausmaß an Desinteresse der Mitglieder am Verein „ADAC“ wieder. Wenn sich der ADAC beim „Gewinner“ „Lieblingsauto der Deutschen 2014“ auf lediglich 3409 gültig abgegebene Stimmen berufen kann, was rein rechnerisch gerade einmal 18 Stimmen je 100.000 Mitgliedern entspricht, und die Delegierten der Gaue laut Satzung jeweils 100.000 ADAC Mitglieder vertreten, für wie viele aktive Mitglieder im ADAC sprechen sie dann tatsächlich?

Martin erkennt, dass er im Verein des ADAC als Mitglied eben nicht im Mittelpunkt steht und kaum aktiv mitwirken kann. Die Strukturen lassen es nicht zu. Er möchte aber auch nicht, dass andere in seinem Namen Politik machen, auf die er keinen Einfluss hat. Er entscheidet sich, vergleichbare Grundleistungen wie Pannenhilfe anderer Anbieter zu prüfen, denn letztlich geht es ihm weiterhin vorrangig um das gute Gefühl, Hilfe im Notfall zu erhalten und selbst jederzeit handlungsfähig zu bleiben. Im ADAC geht das offensichtlich nicht, so sein Resümee.