Geeignete Eingangstests für die Bundeswehr erhöhen die Schlagkraft, verringern Leid und reduzieren Kosten

Von Hartmut Urban.

Martins Sohn ist in dem Alter, in dem Zukunftsentscheidungen anstehen. Auch eine Karriere bei der Bundeswehr steht mit auf dem Prüfstand. Martin als verantwortungsbewusster Vater fragt sich im Spannungsfeld „Traum und Trauma“, ob die Bundeswehr gerade für seinen Sohn eine sinnvolle Option ist.  Kann er sich insbesondere wirklich darauf verlassen, dass die Tauglichkeit seines Sohnes vor Eintritt in den Dienst bei der Bundeswehr verantwortungsvoll und umfassend geprüft wird? Immerhin kommt jeder fünfte Soldat laut einer speziell in Auftrag gegebenen Studie nachhaltig traumatisiert vom Auslandseinsatz zurück.

Angesichts dieser Problematik ist Martin irritiert, womit sich die Bundeswehr offenbar öffentlichkeitswirksam beschäftigt. Ist ein familienfreundliches, ausreichendes Angebot an Kindertagesstätten wirklich die primäre Fragestellung, die eine Bundesministerin der Verteidigung zu beantworten hat? Ist die Bundeswehr wirklich eher ein Familienbetrieb als ein mit Verteidigungs- und Kampfeinsätzen betrautes Militär? Dürfte sein Sohn als Soldat Auslandseinsätze verweigern? Wohl kaum ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen, meint Martin.

Da es seit Jahren keine allgemeine Wehrpflicht mehr in Deutschland gibt, müsste sich seiner Meinung nach die Militärwirklichkeit in Richtung neuer Aufgabenstellungen verändert haben. Und dazu gehören eben auch Kampfeinsätze, und zwar nicht nur in Afghanistan. Hat die Bundeswehr bei der Auswahl der Soldaten dieses veränderte Anforderungsprofil hinreichend im Blick, will Martin wissen. Berücksichtigen die Verantwortlichen der Bundeswehr bei der Auswahl, was einen deutschen Soldaten heute wirklich ausmacht?

Martin kommt in Erinnerung, dass in seiner Jugend häufig von Deutschen die Rede war, die bei der französischen Fremdenlegion angeheuert hatten. Nach seiner Recherche waren nach 1945 mehr als die Hälfte aller Fremdenlegionäre deutschsprachig. Martin recherchiert, ob irgend etwas über Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nach schwersten Kampfeinsätzen der Fremdenlegion in Vietnam, Marokko, Tunesien oder Algerien zwischen 1945 und 1962 bekannt geworden ist. Martin findet nichts. Ob kollektives Verschweigen oder fehlende Studien hier die Ursache sind, kann Martin nicht bewerten. Doch die Frage bleibt: Warum ist über Posttraumata bei der Fremdenlegion so gut wie nichts bekannt, wohl aber im erheblichen Ausmaß bei der Bundeswehr?

Ein Vergleich zwischen Fremdenlegion und Bundeswehr bietet sich nach Martins Auffassung heute durchaus an, weil die französische Fremdenlegion sich ebenfalls hin zu einer schnellen Eingreiftruppe im internationalen Auftrag der Friedenssicherung gewandelt hat. Martin erfährt, dass die Auswahlkriterien bei der Fremdenlegion an die Militärtauglichkeit seit jeher sehr streng waren und im Laufe der Zeit noch weiter verschärft worden sind. Wurde früher überhaupt nur einer von acht Bewerbern genommen, so ist heute das statistische Verhältnis eins zu zwölf. Die physischen und psychischen Tests ziehen sich über Wochen hin und gehen bei jedem Bewerber ganz bewusst über die natürlichen Belastungsgrenzen hinaus, um sicherzugehen, diejenigen Legionäre zu bekommen, die sowohl für extreme Anforderungen im Einsatz wie auch für deren spätere Verarbeitung der Erlebnisse das nötige Rüstzeug mitbringen.

Martin meint, auch die deutsche Bundeswehr sollte ein vergleichbares Auswahlverfahren einführen, um letztlich nur die Soldaten zu rekrutieren, die nicht vorbelastet sind oder dem physischen und psychischen Druck standhalten können. Prophylaxe statt Reparatur, und zwar durch richtige Auswahl, so Martins Auffassung, verbessert nicht nur die Schlagkraft der Truppe, sondern bietet ohne unnötige Behandlung der Posttraumata mit allen gesellschaftlichen Folgen ein gigantisches Einsparpotential in Milliardenhöhe. Martin kommt zu dem Schluss, dass er ohne ein ebenso professionelles auf die Einzelperson ausgerichtetes wie nachvollziehbares Auswahlverfahren seinem Sohn die Bundeswehr derzeit als berufliche Perspektive nicht empfehlen kann.