Wann werden Geräusche zur Lärmbelästigung?

Von Hartmut Urban.

Martin ist seine Handlungsfähigkeit wichtig. Er bemerkt, dass er besonders auf unüberhörbare, nicht enden wollende oder wiederkehrende Geräusche, die er nicht selbst beeinflussen kann, empfindlich reagiert. „Ich habe niemanden autorisiert, sich meines sensiblen Trommelfells im Kopf in belästigender bis unerträglicher Weise zu bemächtigen“, stellt Martin fest. Aber erst die empfundene Ohnmacht, oft nichts dagegen tun zu können, könnte ihn auf Dauer gar depressiv machen. Martin entschließt sich, Situationen von Beeinträchtigungen, die er als lärmend wahrnimmt, für sich bewertbar machen zu wollen. Nur so meint er, auch dann handlungsfähig zu bleiben.

Lebensqualität ist für Martin untrennbar mit technischem Fortschritt verbunden. So wägt er bei der modernen Arbeitsteilung die jeweiligen Vorzüge gegen negative Begleiterscheinungen für sich ab. Wenn eine positive Bilanz herauskommt, kann er damit leben. Martin lernt, Lärm und Lautstärke sind subjektive Empfindungen, die schwierig messbar sind. Das menschliche Gehör ist ein Schalldruck­empfänger. Unkontrollierbare Körperreaktionen von Anspannung bis hin zu erhöhter Abwehr- oder Fluchtbereitschaft kommen bei Martin in Situationen vor, die weniger mit dem eigentlichen Geräusch, als vielmehr mit der dabei empfundenen Handlungsunfähigkeit zu tun haben. Martin folgt dann automatisch der natürlichen Überlebensformel „Flüchten oder Kämpfen“. Er fragt sich, warum er selbst bei vorhersehbarem Lärm angespannt und gereizt reagiert. Kognitiv kann er kaum gegensteuern. Ist ein Fehlalarm im Körper – verursacht durch Lärm – überhaupt vermeidbar? Das vegetative Nervensystem reagiert offensichtlich unabhängig vom Verstand mit erhöhtem Herzschlag, Bluthochdruck und Gefäßverengungen bis hin – bei lang andauernder Exposition – zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit ernsthaften Folgen, hat Martin nachgelesen. Statt Rezepte vom Arzt zu erhalten, lautet für Martin sein persönliches Rezept, Lärmbelästigungen – so weit wie ihm möglich – zu vermeiden und verstärkt die Stille zu suchen. Gesundheit ist ihm, so bewertet er seine Situation, Einiges wert.

Anders sieht es aus, wenn Martin selbst Lärm erzeugt. Hier kann er Gehörschutz im geschützten Bereich seines Gartens nutzen, ohne etwa Gefahr zu laufen, herannahenden Verkehr zu überhören. Nur die Köpfe seiner Nachbarn werden hier mit seinen Lärmabfällen zugemüllt, räumt Martin ein. „Lärm sackt tief ins Gehirn, das saugt ihn auf wie Löschpapier das Wasser. Zum Schluss ist man ganz durchtränkt mit Lärm, niedergeknüppelt und unfähig, zu denken“, beklagte sich bereits 1927 Kurt Tucholsky. Damit sich seine Nachbarn nicht als Lärmopfer empfinden, fragt er sie zuvor höflich und lässt ihnen auch schon mal was Gutes zukommen, denn Immobilienbesitzer oder Familien, die an den Ort gebunden sind, erleben wie Martin Geräusche, die sie nicht beeinflussen können, als zum Teil unerträglichen Lärm.

Das Grundgesetz sichert im Artikel 2 den Bürgern zu: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Lärm anderer ungefragt trotz garantierter „Unverletzlichkeit der Wohnung“ akustisch frei Haus in den Kopf geliefert zu bekommen, ist mit dem Geist des Grundgesetzes sicher nicht vereinbar. Lärm würde kaum entstehen, wenn die Verursacher keinen Nutzen hätten. Auf der anderen Seite kann mit „geschenktem“ Lärm der Beschenkte nicht handeln. Das macht zusätzlich handlungsunfähig. Funktionierende Arbeitsteilung basiert auf Interessenausgleich, das heißt, im Falle des Lärms müssen die Leidtragenden entschädigt werden. Auch Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ folgt der Logik eines Interessenausgleichs gegen widrige Umstände. Fehlende oder nicht rechtzeitige Realisierungen von Lärmschutzmaßnahmen sind mit dem jeweiligen Marktwert der Einsparung zu budgetieren, meint Martin. Dann werden die Geschädigten dank Entscheidungsalternativen aus der reinen Opferrolle in die Handlungsfähigkeit versetzt. Wie und in welchem Verhältnis sich der Staat und Betreiber von Unternehmen, die Lärm erzeugen, an einem Ausgleich für die Geschädigten beteiligen, wäre noch genauer zu erörtern.

Die Schweiz beispielsweise geht mit ihrer geplanten Lärmausgleichsnorm (LAN), auch Lärm-Batzen genannt, genau diesen Weg, den Martin favorisiert. Je mehr Dezibel über dem Lärmgrenzwert, desto höher die vom Verursacher individuelle jährlich zu zahlende  Entschädigung. Bereits heute gibt es in der Schweiz einen gesetzlichen Anspruch auf eine einmalige Entschädigung. Inwieweit die EU-Richtlinie 2002/49 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Juni 2002 „über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm“ nach nunmehr 12 Jahren in nationales Recht umgesetzt wurde und ob die gesetzlichen Schutzmaßnahmen die individuelle Handlungsfähigkeit und Gesundheitsprophylaxe der EU-Bürger im Blick haben, will Martin noch prüfen.