Langzeitarbeitslose wieder fit machen nützt allen

Von Hartmut Urban.

Die Gemeinschaft Steuern zahlender Bürger einer Kommune trägt bei Langzeitarbeitslosen eine nicht unerhebliche Last. Die gesamtfiskalischen Kosten registrierter Arbeitsloser liegen im Jahr bei ungefähr 20.000 Euro pro Arbeitslosem selbst, die Kosten für die Familienmitglieder noch nicht eingerechnet. Viele Langzeitarbeitslose, so die These, sind trotz ihrer Potenziale mut- und orientierungslos und damit handlungsunfähig. Sie wieder fit im Sinne von selbst handlungsfähig zu machen, würde nicht nur sie und ihre Familien stärken, sondern auch förderlich sein für das soziale Umfeld am Wohnort wie für die beteiligten Unternehmen. Die Kommunen könnten statt hoher Ausgaben Mehreinnahmen verbuchen.

Martin ist seit Jahren mal wieder in seiner ehemaligen Stammkneipe. Er trifft dort auf Kalle, einen Jugendfreund. Kalle war früher stark, kreativ und voller Tatendrang. Wo er war, gab es keine Lange­weile. Nach kurzem Smalltalk wettert Kalle auf einmal unvermittelt los, beklagt sich über Ungerechtig­keiten und Gängeleien der Arbeitsverwaltung. Er bekäme seit Jahren nicht genug Geld, um anständig über die Runden zu kommen. Er könne auch nichts dafür, dass er seit vielen Jahren keine Arbeit findet. Martin fragt, inwieweit Kalle selbst seine Situation zu verändern gedenke. Doch er bekommt als Antwort nur ein Achselzucken.

Martin denkt die nächsten Tage über die Begegnung nach. Kalle nutzt die Sozialsysteme, ohne seine Situation aber wirklich genießen zu können. Das ist keine Hilfe zur Selbsthilfe, bewertet er die Situation. Ein „arbeitsloses Einkommen“ macht abhängig und nimmt auf Dauer die Freiheit, selbst­bestimmt zu leben, erkennt Martin. Und irgendwelche Qualifizierungsmaßnahmen als Aktionismus, ohne einen sofortigen spürbaren Nutzen für die Betroffenen, helfen Kalle nach Martins Auffassung auch nicht. Gesunde arbeitsfähige Menschen brauchen keine zeitlich unbegrenzte Unterstützung, meint Martin. Aktiv werden und für sich und andere Gutes tun kann beinahe jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Neigungen. Martin war mal in Vietnam und hat dort gesehen, was die Menschen alles tun, um mit der Familie ohne staatliche Unterstützung zu überleben. Manche sitzen beispielsweise mit einer Luftpumpe am Straßenrand und bieten gegen Kleingeld Hilfe an, wenn ein Fahrrad oder Motorrad einen Platten oder sonst wie Schwierigkeiten hat. Ein solches Eigenengagement ist ihm eindrucksvoll in Erinnerung geblieben.

Martin ist der Meinung, dass jedem Einzelnen des deutschen Volkes von Natur aus eine gewisse unerschöpfliche wie schlummernde Kraft innewohnt, seine persönliche Situation selbst in den Griff zu bekommen, wie die friedliche Revolution 1989 in der DDR ihm gezeigt hat. Viele Menschen, meint er, sind nach 1989 in ihrer persönlichen Entwicklung regelrecht explodiert und haben es zu Führungspositionen in Wirtschaft und Politik, ja sogar bis in die höchsten Staatsämter des wiedervereinigten Deutschlands geschafft.

Deshalb hat sich Martin vorgenommen, noch einmal mit Kalle zu reden. Martin kennt Kalle und weiß, er kann es schaffen, aus der subjektiv hoffungslos erscheinenden Lage herauszukommen. Das vermeint­liche Labyrinth seines Lebens ist ein Trugschluss. Kalle sollte sich wieder auf sich selbst besinnen und seinen inneren Kräften freien Lauf lassen, dann wird er mit seinen Fähigkeiten und Neigungen durch­starten, erfolgreich sein und im Ergebnis auch sozial handeln können. Kalle braucht einen Coach, der ihm hilft, sich selber wieder besser zu spüren, seinen Gefühlen zu vertrauen, die ihm helfen, richtig zu entscheiden und dadurch auch erfolgreich zu handeln.

Als Martin zufällig den Bürgermeister seiner Heimatstadt trifft, erzählt er ihm von seiner Idee, Langzeitarbeitslose mit Potenzial zum Nutzen aller wieder handlungsfähig zu machen. Der Bürgermeister, der zwar keiner Optionskommune vorsteht, greift dennoch die Idee sofort auf, weil er sofort den Nutzen auch für die Stadtkasse sieht. Zudem ist ihm ein verbessertes soziales Umfeld in seiner Bürgerschaft wichtig. Der Bürgermeister erkennt, dass er derjenige ist, der die Idee von Martin am besten vorantreiben und zum Erfolg führen kann. Er hält vor Ort alle wichtigen Kontakte, kann mit einem Pilotprojekt die Agentur für Arbeit entlasten und die heimische Wirtschaft gezielt mit guten Arbeitskräften versorgen. Er kann mithelfen, dass die Langzeitarbeitslosen sich wieder selbstbestimmt und selbstbewusst fühlen und so anerkannte Mitglieder der lokalen Gesellschaft werden. Alle können profitieren, die Steuerzahler der Stadt durch niedrigere Abgaben, das soziale Umfeld durch Ruhe und Ordnung, die Familien der Betroffenen durch planbares höheres Einkommen sowie die Arbeitslosen selbst durch Selbstachtung und Selbstverwirklichung. Nebenbei, so das Kalkül des Bürgermeisters, wird ein derart erfolgreiches Pilotprojekt  als Teil des Stadtmarketings seine Stadt über die Grenzen hinaus positiv bekannt machen und dazu beitragen, seine ohnehin lebenswerte Stadt noch attraktiver werden zu lassen.