Martin geht zur Bürgermeisterwahl

Von Hartmut Urban.

Martin hat beruflich bedingt seinen Wohnort gewechselt. In der neuen Stadt sind gerade Kommunal- und Bürgermeisterwahlen. Martin kennt dort aber keinen der Kandidaten persönlich. Er fragt sich daher, was einen guten Bürgermeister eigentlich ausmacht.  Ihm ist klar, Multitalente sind rar gesät. Spezialisten gibt es häufiger, doch welche Eigenschaften sind unabdingbar, welche eher verzichtbar? Martin kennt den Bürgermeister seiner früheren Heimatstadt gut und beschließt, ihn als Maßstab zu nehmen, denn dieser vereinigt seit Jahren alles Notwendige in sich, was nach Martins Auffassung einen fähigen, beliebten und erfolgreichen Bürgermeister letztlich ausmacht.

Der Bürgermeister aus Martins Heimatstadt ist leidenschaftlich gern unter Menschen, hat ein offenes Ohr für jedes Problem, hilft, wo er kann, und ist auch gern einfach mal nur gesellig. Auch im Rathaus verfolgt der die Politik der offenen Türen. Seine positive Grundstimmung strahlt auf die Menschen ab und gibt ihnen das Gefühl, auch in schwierigen Lagen ernst genommen zu werden. Die hohe Wertschätzung seinen Bürgern gegenüber mündet in professionelle Lösungsfindungsprozesse. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Im Mittelpunkt steht für diesen Bürgermeister der Mensch. Ihn in seinen Neigungen und Bedürfnissen zu verstehen, ist nach Martins Auffassung jene Fähigkeit eines wirklich guten Bürger­meisters. Wahren Einfluss auf die Bürgerschaft nimmt Martins Ideal eines Bürgermeisters, indem er sich die Informationshoheit in seiner Stadt sichert. Diese verschafft ihm die notwendige Durchsetzungskraft.

Ein erfolgreicher Bürgermeister muss für Martin auch alle Finanz- und Verwaltungsfragen im Rathaus mit Fach- und Sachverstand überschauen, bewerten und bewältigen können. Da er nicht Spezialist in jedem Gebiet sein kann, braucht er Manager-Qualitäten. Dazu ist delegieren und kon­trollieren vieler Aufgaben unabdingbar. Bürger und Vereine beispielsweise können leicht zu wahren Zeitfressern werden. Deshalb muss ein guter Bürgermeister auch „Nein“ sagen können, wo es notwendig ist. So verschafft sich so ein Bürgermeister notwendige Leistungsreserven, um nie an das persönliche Limit zu kommen.  Auch die unterschiedlichsten Charaktere von Kommunalpolitikern muss ein Bürgermeister unter einen Hut bringen können.

Martin weiß, auch in einer Kommune dreht sich alles um Geld. Die Stadtkasse wird ganz wesentlich von der Bürgerschaft selbst durch unpopuläre Steuern, Abgaben, Gebühren, Eintrittsgelder etc. gefüllt. Ver­teilungskämpfe um das Geld in der Stadtkasse sind auf der anderen Seite an der Tagesordnung.  Wer hier handlungsfähig bleiben will, muss Prioritäten setzen, ohne befürchten zu müssen, Wählerstimmen zu verlieren. Nur mit genügend verfügbarem Geld lassen sich langfristig neben den vielfältigen und in der Summe kostenintensiven gesetzlichen Pflichtaufgaben auch freiwillige Projekte verwirklichen. Eine Stadt oder Gemeinde, die wegen leerer Kassen nichts mehr selbst entscheiden kann, braucht am Ende auch keinen Stadtrat und einen Bürgermeister nur noch als Umsetzer der Vorgaben eines „Sparkommissars“. Damit es nicht so weit kommt, sollte ein Bürgermeister nach Martins Auffassung auch in finanziellen Fragen der Kommune kompetent sein, um sich nicht ausschließlich auf Politik und Kämmerei verlassen zu müssen.

Ein guter Bürgermeister muss nach Martins Überzeugung vom Wesen her auch ein Unternehmertyp sein, der Ideen hat und diese umsetzen möchte, der gern gestaltet, anstatt zu reagieren. Um schwierige Situationen – ob in der Verwaltung selbst oder in der Umsetzung von Projekten – zum Nutzen der Bürgerschaft meistern zu können, bedarf es eines Menschenschlags, der Projekte und komplexe Problemstellungen jedweder Art aktiv angeht, meint Martin. Da Bürgermeister auf Dauer weniger wegen schöner Worte als viel mehr auf Grund von guten Taten beurteilt und gewählt werden, sind sicht- und nutzbar gewordene Ergebnisse von Projekten Ausdruck erfolgreichen Handelns.

Martin hat sich vorgenommen, die Kandidaten seines neuen Wohnorts nach diesen Kriterien zu prüfen, inwieweit sie seinem Idealtyp des Bürgermeisters entsprechen. Davon wird er seine Wahl abhängig machen.