Informationslücken: Ein unterschätztes Risiko vermeiden

Von Hartmut Urban.

Menschen organisieren sich notwendigerweise seit jeher in Gemeinschaften. Dazu ist ein ständiger Informationsaustausch zwischen ihnen unabdingbar. So wie die Natur jeden Freiraum, ja letztlich jede Ritze besetzt und dort irgendein Leben entsteht, so werden zwischenmenschliche Informationslücken durch Phantasien bis hin zum Entstehen von Gerüchten gefüllt. Die Gefahr besteht, dass selbst werthaltige Informationen mit der Zeit nicht mehr durchdringen, wenn sich Phantasien verselbständigen oder Gerüchte um sich greifen. Aktive Informationsverbreitung mit dem Ziel der eigenen Informationshoheit bedarf einer steten Hege und Pflege. Nur so lassen sich Lücken vermeiden.

Da sich aber der überwiegende Teil von zwischenmenschlich ausgetauschten Informa­tionen unbewusst und damit kaum steuerbar vollzieht, ist es umso bedeutsamer, niemals aus der eigenen „auf den Leib geschneiderten“ Rolle zu fallen. Nur so passen idealer­weise verbale und nonverbale Kommunikation mit dem eigenen Handeln zusammen. So können keine Spielräume für Widersprüche und Interpretationen entstehen. Je mehr dies gelingt, desto authentischer und kalkulierbarer wirkt man.

Je nachvollziehbarer das Handeln ist, umso weniger Probleme können entstehen. Neben der direkten Kommunikation zwischen den Beteiligten spielt die über Entfernungen hinweg vermittelte Information eine bedeutende Rolle. Während am Telefon neben dem gesprochenen Wort noch Stimmungen, Untertöne, Emotionen als zusätz­liche Informationsquellen das Gesagte unterstützen oder auch konterkarieren, fallen diese in der rein schriftlichen Kommunikation sprichwörtlich „unter den Tisch“.  So bietet die schriftliche Informationsübermittlung Interpretationsspielräume. So wie es auch einen Unterschied macht, ob man Augen- oder Ohrenzeuge eines Geschehens ist oder das Ereignis nur vom Hörensagen bewerten muss.

Weil das so ist, sollte jeder verantwortungsvolle Mensch sein eigenes Handeln immer wieder re­flektieren. Die Informationsweitergabe muss nämlich möglichst exakt den Handlun­gen selbst entsprechen. Je mehr Lücken verbleiben, desto mehr Möglichkeiten erge­ben sich für Dritte, diese mit eigenen Vorstellungen, Erwartungen, Ängsten oder gar Phantasien zu füllen. Bekannt ist beispielsweise das Phänomen der Enttäuschung, wenn man die Verfilmung eines Buches sieht, das einen zuvor besonders betroffen gemacht hat. Hier wird die eigene Phantasie mit den konkreten visuellen Eindrücken des Films konfrontiert. Der Unterschied wird einem hier geradezu “vor Augen” geführt. Widersprüche zwischen Reden und Handeln, zwischen Taten und Informationen oder zwischen Phantasien und Wirklichkeit vermitteln generell ein ungutes Gefühl. Die Glaubwürdigkeit hängt dann oft sprichwörtlich „am seidenen Faden“.

Verantwortungsvoll agierende Menschen streben daher Deutungshoheit nicht nur über das eigene Handeln an, sondern auch über die Vermittlung ihrer Aktivitäten. Eine wirkungsvolle Kommunikation ist meist dem Handeln nachgelagert und nimmt darauf Bezug, und zwar immer auf der Grundlage nachvollziehbarer Ziele. Es heißt „tue Gutes und rede darüber“ und Reden lässt sich im Gegensatz zum reinen Handeln beliebig reprodu­zieren. Das bedeutet Chance wie Risiko gleichermaßen. Um die Risiken durch Diskrepanzen in engsten Grenzen zu halten und die Chancen durch Nachvollziehbar­keit zu nutzen, wächst dem Akteur eine zusätzliche Aufgabe zu: nämlich für die Interpretation des eigenen Tuns selbst nachhaltig Sorge zu tragen und bei Delegation die Qualität stets sicherzustellen.