{"id":314,"date":"2017-06-12T17:51:38","date_gmt":"2017-06-12T16:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.hyperskill.de\/?p=314"},"modified":"2024-04-20T15:30:08","modified_gmt":"2024-04-20T14:30:08","slug":"stimmungsmache-im-postfaktischen-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hyperskill.de\/?p=314","title":{"rendered":"Stimmungsmache im postfaktischen Zeitalter"},"content":{"rendered":"\n<p><em>von <a href=\"http:\/\/www.hyperskill.de\/html\/kontakt\/Sabine_Stadler.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sabine Stadler<\/a>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><b>Je un\u00fcbersichtlicher uns die Welt erscheint, desto eher sehnen wir uns nach einfachen L\u00f6sungen. In Zeiten zunehmender Digitalisierung sind wir permanent einer un\u00fcberschaubaren Informationsflut ausgesetzt. Gleichzeitig kann man beobachten, wie immer mehr Menschen schon vollauf besch\u00e4ftigt sind, mit den beschleunigten Abl\u00e4ufen Schritt zu halten. Da werden Zeitvertreibe wie Nachdenken oder Zusammenh\u00e4nge in komplexen Themen zu finden zunehmend unpopul\u00e4r. Aufr\u00e4umen macht Arbeit, da ist es sch\u00f6n, wenn andere sie machen. Wunderbare Bedingungen f\u00fcr Stimmungsmacher.<\/b><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn von Stimmung die Rede ist, hat jeder von uns eine Vorstellung, was gemeint sein k\u00f6nnte. Man ist vielleicht gerade nicht in Stimmung oder guter Stimmung im Sinne von Laune. Man kann Menschen auch einteilen in Optimisten oder Pessimisten, je nachdem, wie sie grunds\u00e4tzlich gestimmt sind, n\u00e4mlich positiv oder negativ. Oder man denkt an das letzte Rock-Konzert, wo die Stimmung bombastisch war oder an ein Fu\u00dfballspiel, wo die Mannschaft leider schlecht gespielt hat und einem die Stimmung verhagelt hat. Stimmung hat nat\u00fcrlich immer auch was mit Gef\u00fchl zu tun, wobei eine Unterscheidung eine Rolle spielt: Gef\u00fchle entstehen immer in uns selbst, w\u00e4hrend Stimmungen auch quasi von au\u00dfen erzeugt oder beeinflusst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und um die geht es uns heute, denn wir haben immer wieder mit <strong>problematischen Situationen<\/strong> zu tun, die auf Stimmungen beruhen, die man pl\u00f6tzlich und unvermittelt wahrnimmt, aber nicht erkl\u00e4ren kann, wie sie zustande gekommen sind. Man findet sie in allen Bereichen: im Privaten, im Berufsleben und auch in der Politik.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><a href=\"https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a-300x300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-555\" style=\"width:371px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a-1024x1020.jpg 1024w, https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a-768x765.jpg 768w, https:\/\/blog.hyperskill.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Kopie2-von-FP03a.jpg 1115w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>3 Beispiele, die wir bei der L\u00f6sung begleitet haben:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>1. <strong>Lena M.,<\/strong> Lehrerin und Mutter von erwachsenen Kindern, l\u00e4sst sich von ihrem Mann scheiden und wechselt Stelle und Wohnort. Ein paar Jahre sp\u00e4ter kommt sie zur\u00fcck und wundert sich: Niemand aus ihrem fr\u00fcheren Umfeld (Kinder, Freunde, Bekannte) will etwas mit ihr zu tun haben. Sie nimmt Abneigung wahr und kann sie sich nicht erkl\u00e4ren, denn sie hat sich ja \u2013 au\u00dfer dass sie ihren Mann verlassen hat &#8211; nichts zuschulden kommen lassen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>2. <strong>Thomas P.,<\/strong> Vertriebsbeauftragter in einer mittelst\u00e4ndischen Software-Firma, kommt mit dem Vertrieb einer neuen Datenbank-L\u00f6sung nicht voran. Von der Entwicklerseite kommt nur sp\u00e4rlich fachliche Unterst\u00fctzung, er f\u00fchlt sich ziemlich allein gelassen. Der Investor, der in die Programmierung viel Geld gesteckt hat, gibt die Anweisung, unterschiedliche Vertriebswege auszuprobieren. Es funktioniert weiterhin nicht, der Entwickler macht den Vertriebsbeauftragten f\u00fcr den Misserfolg verantwortlich, der Investor stoppt die Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Vertrieb.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>3. Eine <strong>Kleinstadt in Deutschland<\/strong>. Die Stadt w\u00e4chst, es muss neuer Wohnraum geschaffen werden. Ein Baugebiet, das vor Jahren als Einheimischen-Modell entstanden ist, soll erweitert werden. Es wird eine B\u00fcrgerinitiative gegen die Erweiterung gegr\u00fcndet. Die Regionalredaktion der \u00fcberregionalen Presse springt auf das Thema auf und hilft, Unterst\u00fctzer zu finden und Fronten zu bilden. Die Stadtverwaltung wird von den unterschiedlichsten Interessengruppen angegriffen. Der B\u00fcrgermeister versteht die Welt nicht mehr.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend unserer strukturierten Analysearbeit haben wir identifiziert, dass jedes Mal nach einem bestimmten Muster vorgegangen wurde: Es wurden jeweils Prozesse in Gang gesetzt, die so schleichend verliefen, dass sie f\u00fcr die Beteiligten nahezu nicht wahrnehmbar waren. Diese Prozesse sollten entweder eine Eigendynamik entwickeln oder wurden regelm\u00e4\u00dfig &#8220;nachbefeuert&#8221;. Wenn Zahlen oder Fakten genannt wurden, waren diese oft falsch. Nachgewiesene Fakten von Zweiflern wurden ignoriert oder geleugnet. Eher spielten Gef\u00fchle eine Rolle: Es sollte ein &#8220;kollektives Gef\u00fchl&#8221; gegen jemanden aufgebaut werden. Und am Anfang stand jeweils eine Person, die Stimmung gemacht hat, aber nicht laut und deutlich vernehmbar, sondern unterschwellig und perfide. Den Rest erledigten andere Akteure, die selbst gar nicht mitbekommen hatten, wie sie instrumentalisiert worden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>   <\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Fall von <strong>Lena M.<\/strong> war es ihr Ex-Ehemann: Da sie ja weggezogen war, hatte er das alte Umfeld f\u00fcr sich und f\u00fctterte dieses mit kleinen, zum gro\u00dfen Teil erlogenen Informationsh\u00e4ppchen \u00fcber seine Ehe mit Lena M., ihre &#8220;Verfehlungen&#8221;, inszenierte sich selbst als Opfer, fing an, die (erwachsenen!) Kinder zu verw\u00f6hnen, um die er sich fr\u00fcher nie gek\u00fcmmert hatte, und ihre Mutter schlecht zu machen. Lena M. ahnte davon nichts, ihre Kinder fragten nicht nach, sie hatte nach Scheidung, Umzug und neuer Stelle genug um die Ohren und die Entfremdung nahm ihren Lauf. Die stimmungsm\u00e4\u00dfig negativ gegen Lena M. beeinflussten Menschen gaben ihr \u00fcberhaupt keine Chance, sie wollten gar nicht h\u00f6ren, was sie dazu zu sagen gehabt h\u00e4tte. Dank der &#8220;\u00fcberzeugenden&#8221; Stimmungsmache des Exmannes waren die Urteile ja schon gef\u00e4llt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Fall von <strong>Thomas P.<\/strong> stellte sich heraus, dass der Entwickler der Datenbankl\u00f6sung von seinem eigenen Produkt nicht \u00fcberzeugt war bzw. zu der Erkenntnis gekommen war, dass die Software besser nicht verkauft und eingesetzt werden sollte. Er hatte sich vom Investor f\u00fcr die Entwicklung gut bezahlen lassen und konnte dann &#8220;nat\u00fcrlich&#8221; nicht zugeben, dass die Ursache f\u00fcr die Nicht-Verkaufbarkeit bei ihm lag. Stattdessen schob er gegen\u00fcber dem Investor die Schuld auf Thomas P., der eben nicht in der Lage w\u00e4re, seine Software zu verkaufen. Dem Investor fehlte die entsprechende Sachkenntnis, so dass er die Angelegenheit nicht weiter pr\u00fcfte, sondern sich auf Thomas P. einschoss.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im Fall der <strong>deutschen Kleinstadt<\/strong> kam ans Licht, dass ein Mitglied des Stadtrats, selbst Nutznie\u00dfer des damaligen Einheimischen-Modells und offenbar nicht erpicht auf neue Nachbarn, die B\u00fcrgerinitiative angeschoben hat. Mit der Lieferung von Fake-News, angeblichem Insider-Wissen aus dem Stadtrat und der Erfindung diverser Kollateralsch\u00e4den auf faktischer und moralischer Ebene gelang es ihm, sowohl die Presse als auch zahlreiche Mitstreiter anzuheizen, die dann emp\u00f6rte Leserbriefe mit immer neuen Argumenten gegen das Neubaugebiet schrieben, in Facebook w\u00fcste Verbalschlachten k\u00e4mpften und Bef\u00fcrworter und die Stadtverwaltung mit Vorw\u00fcrfen \u00fcberzogen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>   <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Solche Situationen kann man kaum allein aufarbeiten.<\/strong> Die Gefahr ist hoch, dass man &#8220;naheliegende&#8221; Gr\u00fcnde auf der Basis alter Erfahrungen w\u00e4hlt und dann die falschen Leute angreift. Eine Analyse ist viel erfolgreicher, wenn ein klares methodisches Vorgehen dahintersteht, das kompromisslos auseinandernimmt und ordnet und von einem erfahrenen Moderator geleitet wird, der jederzeit in der Lage ist, das gro\u00dfe Ganze im Blick zu behalten und die &#8220;richtigen&#8221; Fragen zu stellen und vor allem selbst nicht in den Fall involviert ist. Denn erst, wenn der tats\u00e4chliche Gegner identifiziert und seine &#8220;Hidden Agenda&#8221; entlarvt sind, l\u00e4sst sich eine sinnvolle L\u00f6sungsstrategie entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber warum funktioniert Stimmungsmache eigentlich so gut?<\/strong> Schlie\u00dflich m\u00fcssen ja m\u00f6glichst viele Menschen &#8220;mitmachen&#8221;. Wir denken, es sind Gr\u00fcnde wie beispielsweise: Menschen glauben gerne, was ihnen &#8220;in den Kram passt&#8221; (eigenes Ziel oder Bed\u00fcrfnis, \u00c4ngste, Sorgen etc.) oder plausibel erscheint. Menschen nutzen auch gerne Sachverhalte, bei denen sie sich &#8220;aufregen&#8221; k\u00f6nnen, quasi als Proxy f\u00fcr eigene Probleme, die sie nicht l\u00f6sen k\u00f6nnen. Kritisches Hinterfragen, Nachforschungen anstellen oder gar Aufkl\u00e4rung sind aufw\u00e4ndig und unbequem und erfordern vielleicht auch Mut. Wer zu einem neuen Thema oder einer nicht n\u00e4her bekannten Person eine Bewertung, ein Urteil abgibt, hat die besten Karten. Er besetzt den freien Platz und schafft damit eine Grundlage, an der sich alle weiteren Bewertungen orientieren. In vielen F\u00e4llen wird man Best\u00e4tigungen finden, schon aus dem einfachen Grund, weil Zustimmung weniger anstrengend ist als fundierter Widerspruch. Und schlicht und ergreifend: Viele Menschen haben so viel um die Ohren, dass es meistens an der Zeit fehlt, jede neu ankommende Information auf ihren Wahrheitsgehalt oder ihre Sinnhaftigkeit hin zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><b>Einen sch\u00f6nen Nebeneffekt haben wir auch noch beobachtet:<\/b><\/p>\n\n\n\n<p><b>Es war faszinierend mitanzusehen, wie unsere Kunden ihre Selbstzweifel \u00fcberwanden, die sie durch die Stimmungsmache aufgebaut hatten. Und welche Kreativit\u00e4t sie entwickelt haben, nachdem wir die Probleme auseinandergenommen und die Einzelaspekte geordnet hatten und sie verstanden hatten, was da eigentlich l\u00e4uft, woher die sch\u00e4dliche Stimmung kam und wer alles in den Strudel mit hineingezogen wurde. <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sabine Stadler. Je un\u00fcbersichtlicher uns die Welt erscheint, desto eher sehnen wir uns nach einfachen L\u00f6sungen. 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