{"id":607,"date":"2023-09-14T09:52:20","date_gmt":"2023-09-14T08:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.hyperskill.de\/?p=607"},"modified":"2023-09-28T08:56:49","modified_gmt":"2023-09-28T07:56:49","slug":"von-angekratzten-egos-und-reflektierten-reaktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.hyperskill.de\/?p=607","title":{"rendered":"Von angekratzten Egos und reflektierten Reaktionen."},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:26px\">Warum es so hilfreich und wichtig ist, die eigenen Emotionen zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ein Gastbeitrag von Harald W. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Beteiligte Personen:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Harald:<\/strong> Teilprojektleiter Modul 1 (Ich-Erz\u00e4hler)<br><strong>Georg:<\/strong> Teilprojektleiter Modul 2<br>Walter: externer Konstrukteur, zeitweise beauftragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Branche: Automotive<br><\/p>\n\n\n\n<p>In der fr\u00fchen Phase eines Fahrzeugentwicklungsprojekt geht es sehr dynamisch zu. W\u00f6chentlich, manchmal sogar t\u00e4glich \u00e4ndern sich Pr\u00e4missen und Entscheidungen, auf diese es aus Sicht der beteiligten Konstrukteure und Entwickler zu reagieren gilt. Das bedeutet oft, etwas schnell und grob konzepthaft zu skizzieren, um die Machbarkeit best\u00e4tigen zu k\u00f6nnen oder um R\u00fcckmeldung zu geben, welche Implikationen oder Unm\u00f6glichkeiten durch eine Vorgabe entstanden sind. Im Karosserierohbau gibt es Bauteile, die viele Schnittstellen zu Anbauteilen haben, wie z.B. die Stirnwand, die Kontaktfl\u00e4chen f\u00fcr (u.a.) Klimager\u00e4t, Bremspedal, Bremskraftverst\u00e4rker, Lenks\u00e4ulen- und Kabeldurchtritte bereithalten muss. Bei sich &nbsp;&#8211; der fr\u00fchen Phase des Projekts geschuldeten &nbsp;&#8211; st\u00e4ndig \u00e4ndernden Umgebungsbedingungen muss sich diese Stirnwand also permanent anpassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Anpassung geschieht in einem 3D-CAD-Modell, das mithilfe eines CAD-Programms erzeugt wird. Die Erzeugung von Blechbauteilen im CAD ist eine komplizierte Anreihung von Operationen und Befehlen, die in einer baumartigen Struktur organisiert sind und vollparametrisch und assoziativ \u00e4nderbar sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Und hier liegt das Problem: Es gibt nahezu beliebig viele Wege, wie man ein identisches 3D-Modell im CAD-Programm erzeugt. Im Normalfall gibt es in jedem Unternehmen genaue Vorschriften, einen Methodenkatalog oder zumindest ein grobes Regelger\u00fcst, was den Aufbau der Struktur des 3D-Modells angeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><strong>Im vorliegenden Fall f\u00fchrt ein Bruch in genau dieser Thematik zu einer Eskalation im Projektteam.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Konstrukteur (Walter), der aufgrund von Kapazit\u00e4tsengp\u00e4ssen als externe Kraft beauftragt wurde, hilft mir, dem Modulleiter, in der Entwicklung von Modul 1. Er \u00fcbernimmt davon die Konstruktion eines Teilbereichs, n\u00e4mlich besagte Stirnwand. Ich bin mit der Leistung von Walter zufrieden. Er geh\u00f6rt zur alten Garde der Karosseriekonstrukteure und wei\u00df, worauf es bei der Blechkonstruktion ankommt. Seine Arbeitsergebnisse waren fachlich immer auf hohem Niveau und alle in dieser fr\u00fchen Phase des Projekts geltenden Anforderungen wurden erf\u00fcllt. Zur alten Garde geh\u00f6rend zeigte sich aber schon von Beginn seiner Arbeit an, insofern als die Struktur innerhalb des CAD-Modells nicht dem Regelwerk des Unternehmens entspricht und nicht nach der Logik moderner CAD-Systeme aufgebaut wurde. Dieses Vorgehen stammt noch aus der fr\u00fchen Zeit des CAD, in dem eine Struktur innerhalb des 3D-Modells gar nicht existierte. Und diese fr\u00fche Zeit hatte eben die Arbeitsweise von Walter ma\u00dfgeblich gepr\u00e4gt. <strong>Ich wusste das, intervenierte aber nicht, weil die Ergebnisse letztendlich gut waren und eine saubere Struktur in der fr\u00fchen Konzeptfindungsphase aus Sicht von ihm nicht h\u00f6chste Priorit\u00e4t hatte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einiger Zeit endete die Beauftragung von Walter, an seinem Teilbereich gab es f\u00fcrs erste nichts weiter zu tun. <strong>Bis ich mich f\u00fcr einige Wochen f\u00fcr ein Sonderthema des gleichen Projekts in den USA aufhielt und damit die Leitung von Modul 1 tempor\u00e4r an meinen Kollegen Georg, seines Zeichens Leiter von Modul 2, \u00fcbergab.<\/strong> Die beiden Module haben viele Schnittstellen, daher ist es naheliegend und selbstverst\u00e4ndlich, dass Georg die Aufgabe \u00fcbernommen hat. <strong>Kurz nach der \u00dcbergabe \u00e4nderte sich jedoch etwas im Bereich der Stirnwand und erforderte von Georg eine Anpassung. Der abweichenden Struktur geschuldet, war Georg nicht in der Lage, das 3D-Modell zu \u00e4ndern, was ihn deutlich ver\u00e4rgerte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Georg war erst vor kurzem in eine Seniorposition bef\u00f6rdert worden und mir schon gelegentlich durch ein loses Mundwerk aufgefallen. <strong>Seinen \u00c4rger \u00fcber das nicht \u00e4nderbare Modell brachte er prompt in einer harsch formulierten E-Mail zum Ausdruck, die er an alle Konstrukteure und den gesamten F\u00fchrungskreis des Fachbereichs inkl. mir selbst in Cc schickte.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-medium-font-size\" style=\"color:#d14040\"><strong>Georg schrieb in dieser E-Mail, er w\u00e4re in seinem Leben noch nie so entt\u00e4uscht von der Arbeit anderer Menschen gewesen und habe noch nie ein so schlecht konstruiertes CAD-Modell gesehen. Die \u201eMissst\u00e4nde\u201c beispielhaft anprangernd, wiederholte er mehrmals, dass dies nicht der richtige Weg sei, ein CAD-Modell zu erzeugen. Als Schlusssatz empfahl er sogar noch, seine Mail an weitere Kollegen weiterzuleiten, um dies als schlechtes Beispiel in Erinnerung zu behalten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Beim Lesen dieser E-Mail (zeitverschoben, ich war ja in USA) traf mich sozusagen der Schlag.<\/strong> Ein CAD-Modell, f\u00fcr das ich die Verantwortung habe, wird vor versammelter Mannschaft in verachtender Art und Weise verrissen. Ein CAD-Modell, dessen Probleme mir bekannt waren und die ich trotz der mangelnden Regelkonformit\u00e4t akzeptiert hatte. Ein CAD-Modell, das am Ende aber eben doch alle Anforderungen erf\u00fcllt hat. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-medium-font-size\" style=\"color:#d14040\"><strong>Ich war kurz davor, mit \u00e4hnlich aggressiver Wortwahl auf die E-Mail mit dem gesamten Empf\u00e4ngerkreis zu antworten, die Sache eventuell sogar an die n\u00e4chsth\u00f6here F\u00fchrungsebene eskalieren zu lassen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Doch ich besann mich noch rechtzeitig<\/strong>. In meiner Ausbildung zum <a href=\"https:\/\/www.hyperskill.de\/html\/leistungen\/ausbildung_praktiker.htm\"><strong><em><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0);color:#0573b2\" class=\"has-inline-color\">hyperSKILL Praktiker<\/mark><\/em><\/strong><\/a> hatte ich gelernt, negative Gef\u00fchle (wie eben meinen \u00c4rger) nicht gleich ungefiltert rauszulassen, sondern erst mal <a href=\"https:\/\/www.hyperskill.de\/html\/leistungen\/natuerliche-reflexion.htm\"><strong><em>nat\u00fcrlich zu reflektieren<\/em><\/strong><\/a>. Und da wurde mir klar, dass ich mit meiner Reaktion doch auch nur ins selbe Horn sto\u00dfen w\u00fcrde. Mit dieser Erkenntnis stand ich nun am ersten Punkt meines <strong>Reflexionsprozesses<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color\" style=\"color:#0f7fbf\"><strong>1) Worum ging es denn eigentlich?<br>2) Warum traf mich diese E-Mail so ins Mark?<br>3) Wie wichtig war das Thema \u00fcberhaupt?<br>4) W\u00fcrde ich auch weiterhin mit Georg zusammenarbeiten m\u00fcssen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>zu 1) Worum es ging, konnte ich mir schnell erschlie\u00dfen: Georg war im Wesentlichen dar\u00fcber ver\u00e4rgert, dass er in der stressigen Projektphase einen vermeidbaren Mehraufwand hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>zu 2) <strong>Warum es mich selbst so traf, kl\u00e4rte sich im Hinblick auf meine Vergangenheit, in der ich immer wieder mit mangelnder Wertsch\u00e4tzung zu k\u00e4mpfen hatte.<\/strong> In den Ausbildungs-Sessions mit Herrn Stadler hatten wir diesbez\u00fcglich ein gro\u00dfes Defizit entdeckt. Ich hatte mir lange Zeit nicht viel zugetraut und war von daher auf Wertsch\u00e4tzung von au\u00dfen angewiesen, um mich gut zu f\u00fchlen. <strong>Fr\u00fcher bin ich bei Kritik gern aus der Haut gefahren, aber das hat sich jetzt deutlich ge\u00e4ndert: Heute bin ich in der Lage, meine negativen Gef\u00fchle zu reflektieren.<\/strong> Ich wei\u00df jetzt, wie sie bei mir entstehen, kann sie inzwischen gut regulieren und handle dann auch nicht mehr vorschnell, was mir in der Vergangenheit auch von Nachteil war, sondern reflektiert und dadurch auch souver\u00e4n.<\/p>\n\n\n\n<p>zu 3) Zur Kl\u00e4rung der Relevanz wandte ich mich an zwei von Georgs Kollegen, um sie um ihre Meinung zu fragen. Auch sie waren mit dem sprachlichen Stil und der Art und Weise der E-Mail nicht einverstanden, einer der beiden hatte seine Meinung auch schon bilateral Georgs Vorgesetzten mitgeteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>zu 4) <strong>Da unsere beiden Fachbereiche durch zahlreiche Schnittstellen verbunden sind, war eine weitere Kooperation ziemlich wahrscheinlich.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Wissen um die Meinung meiner Kollegen, dem Wunsch nach einer vern\u00fcnftigen Zusammenarbeit und der durch die Reflexion gewonnenen Ruhe konnte ich also souver\u00e4n mit der Situation umgehen und &nbsp;entschied mich f\u00fcr eine entsch\u00e4rfte Reaktion auf Georgs E-Mail: <strong>In einer privaten E-Mail fragte ich ihn ironisch, aber schon auch bissig, wann eigentlich sein Kommunikationstraining stattf\u00e4nde, das er im Rahmen seiner Bef\u00f6rderung bekommen sollte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Georg machte dann auch keine gro\u00dfe Sache mehr draus, vielleicht war er mit seiner \u00fcberschie\u00dfenden Aktion im Nachhinein auch nicht so gl\u00fccklich gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>So nahm alles ein gutes Ende, ich wei\u00df, dass (und warum) Emotionen schon mal hochkochen k\u00f6nnen und vor allem, wie man sie auch wieder abk\u00fchlt und gr\u00f6\u00dfere Konflikte gar nicht erst ausarten l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">aaa<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-background\" style=\"color:#0f3691;background-color:#e2e8ec;font-size:17px\"><em><strong>Anmerkungen in eigener Sache:<\/strong><\/em><br><br>Manche unserer Leser waren etwas entt\u00e4uscht \u00fcber den &#8211; wie sie fanden &#8211; &#8220;schwachen Schluss&#8221; dieses Berichts. Sie h\u00e4tten sich ein spektakul\u00e4reres Ende gew\u00fcnscht. Aber geht das denn \u00fcberhaupt oder w\u00e4re es in diesem Fall m\u00f6glich gewesen? <br>Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass, je lockerer Menschen Konflikte deeskalieren k\u00f6nnen, desto weniger Aufhebens machen sie darum.<br>Wir jedenfalls freuen uns mit Harald \u00fcber seinen Bericht und vor allem \u00fcber seinen pers\u00f6nlichen Erfolg! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum es so hilfreich und wichtig ist, die eigenen Emotionen zu verstehen. Ein Gastbeitrag von Harald W. Beteiligte Personen: Harald: Teilprojektleiter Modul 1 (Ich-Erz\u00e4hler)Georg: Teilprojektleiter Modul 2Walter: externer Konstrukteur, zeitweise beauftragt. 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