Von angekratzten Egos und reflektierten Reaktionen.

Warum es so hilfreich und wichtig ist, die eigenen Emotionen zu verstehen.

Ein Gastbeitrag von Harald W.

Beteiligte Personen:

Harald: Teilprojektleiter Modul 1 (Ich-Erzähler)
Georg: Teilprojektleiter Modul 2
Walter: externer Konstrukteur, zeitweise beauftragt.

Branche: Automotive

In der frühen Phase eines Fahrzeugentwicklungsprojekt geht es sehr dynamisch zu. Wöchentlich, manchmal sogar täglich ändern sich Prämissen und Entscheidungen, auf diese es aus Sicht der beteiligten Konstrukteure und Entwickler zu reagieren gilt. Das bedeutet oft, etwas schnell und grob konzepthaft zu skizzieren, um die Machbarkeit bestätigen zu können oder um Rückmeldung zu geben, welche Implikationen oder Unmöglichkeiten durch eine Vorgabe entstanden sind. Im Karosserierohbau gibt es Bauteile, die viele Schnittstellen zu Anbauteilen haben, wie z.B. die Stirnwand, die Kontaktflächen für (u.a.) Klimagerät, Bremspedal, Bremskraftverstärker, Lenksäulen- und Kabeldurchtritte bereithalten muss. Bei sich  – der frühen Phase des Projekts geschuldeten  – ständig ändernden Umgebungsbedingungen muss sich diese Stirnwand also permanent anpassen.

Diese Anpassung geschieht in einem 3D-CAD-Modell, das mithilfe eines CAD-Programms erzeugt wird. Die Erzeugung von Blechbauteilen im CAD ist eine komplizierte Anreihung von Operationen und Befehlen, die in einer baumartigen Struktur organisiert sind und vollparametrisch und assoziativ änderbar sind.

Und hier liegt das Problem: Es gibt nahezu beliebig viele Wege, wie man ein identisches 3D-Modell im CAD-Programm erzeugt. Im Normalfall gibt es in jedem Unternehmen genaue Vorschriften, einen Methodenkatalog oder zumindest ein grobes Regelgerüst, was den Aufbau der Struktur des 3D-Modells angeht.

Im vorliegenden Fall führt ein Bruch in genau dieser Thematik zu einer Eskalation im Projektteam.

Ein Konstrukteur (Walter), der aufgrund von Kapazitätsengpässen als externe Kraft beauftragt wurde, hilft mir, dem Modulleiter, in der Entwicklung von Modul 1. Er übernimmt davon die Konstruktion eines Teilbereichs, nämlich besagte Stirnwand. Ich bin mit der Leistung von Walter zufrieden. Er gehört zur alten Garde der Karosseriekonstrukteure und weiß, worauf es bei der Blechkonstruktion ankommt. Seine Arbeitsergebnisse waren fachlich immer auf hohem Niveau und alle in dieser frühen Phase des Projekts geltenden Anforderungen wurden erfüllt. Zur alten Garde gehörend zeigte sich aber schon von Beginn seiner Arbeit an, insofern als die Struktur innerhalb des CAD-Modells nicht dem Regelwerk des Unternehmens entspricht und nicht nach der Logik moderner CAD-Systeme aufgebaut wurde. Dieses Vorgehen stammt noch aus der frühen Zeit des CAD, in dem eine Struktur innerhalb des 3D-Modells gar nicht existierte. Und diese frühe Zeit hatte eben die Arbeitsweise von Walter maßgeblich geprägt. Ich wusste das, intervenierte aber nicht, weil die Ergebnisse letztendlich gut waren und eine saubere Struktur in der frühen Konzeptfindungsphase aus Sicht von ihm nicht höchste Priorität hatte.

Nach einiger Zeit endete die Beauftragung von Walter, an seinem Teilbereich gab es fürs erste nichts weiter zu tun. Bis ich mich für einige Wochen für ein Sonderthema des gleichen Projekts in den USA aufhielt und damit die Leitung von Modul 1 temporär an meinen Kollegen Georg, seines Zeichens Leiter von Modul 2, übergab. Die beiden Module haben viele Schnittstellen, daher ist es naheliegend und selbstverständlich, dass Georg die Aufgabe übernommen hat. Kurz nach der Übergabe änderte sich jedoch etwas im Bereich der Stirnwand und erforderte von Georg eine Anpassung. Der abweichenden Struktur geschuldet, war Georg nicht in der Lage, das 3D-Modell zu ändern, was ihn deutlich verärgerte.

Georg war erst vor kurzem in eine Seniorposition befördert worden und mir schon gelegentlich durch ein loses Mundwerk aufgefallen. Seinen Ärger über das nicht änderbare Modell brachte er prompt in einer harsch formulierten E-Mail zum Ausdruck, die er an alle Konstrukteure und den gesamten Führungskreis des Fachbereichs inkl. mir selbst in Cc schickte.

Georg schrieb in dieser E-Mail, er wäre in seinem Leben noch nie so enttäuscht von der Arbeit anderer Menschen gewesen und habe noch nie ein so schlecht konstruiertes CAD-Modell gesehen. Die „Missstände“ beispielhaft anprangernd, wiederholte er mehrmals, dass dies nicht der richtige Weg sei, ein CAD-Modell zu erzeugen. Als Schlusssatz empfahl er sogar noch, seine Mail an weitere Kollegen weiterzuleiten, um dies als schlechtes Beispiel in Erinnerung zu behalten.

Beim Lesen dieser E-Mail (zeitverschoben, ich war ja in USA) traf mich sozusagen der Schlag. Ein CAD-Modell, für das ich die Verantwortung habe, wird vor versammelter Mannschaft in verachtender Art und Weise verrissen. Ein CAD-Modell, dessen Probleme mir bekannt waren und die ich trotz der mangelnden Regelkonformität akzeptiert hatte. Ein CAD-Modell, das am Ende aber eben doch alle Anforderungen erfüllt hat.

Ich war kurz davor, mit ähnlich aggressiver Wortwahl auf die E-Mail mit dem gesamten Empfängerkreis zu antworten, die Sache eventuell sogar an die nächsthöhere Führungsebene eskalieren zu lassen.

Doch ich besann mich noch rechtzeitig. In meiner Ausbildung zum hyperSKILL Praktiker hatte ich gelernt, negative Gefühle (wie eben meinen Ärger) nicht gleich ungefiltert rauszulassen, sondern erst mal natürlich zu reflektieren. Und da wurde mir klar, dass ich mit meiner Reaktion doch auch nur ins selbe Horn stoßen würde. Mit dieser Erkenntnis stand ich nun am ersten Punkt meines Reflexionsprozesses:

1) Worum ging es denn eigentlich?
2) Warum traf mich diese E-Mail so ins Mark?
3) Wie wichtig war das Thema überhaupt?
4) Würde ich auch weiterhin mit Georg zusammenarbeiten müssen?

zu 1) Worum es ging, konnte ich mir schnell erschließen: Georg war im Wesentlichen darüber verärgert, dass er in der stressigen Projektphase einen vermeidbaren Mehraufwand hatte.

zu 2) Warum es mich selbst so traf, klärte sich im Hinblick auf meine Vergangenheit, in der ich immer wieder mit mangelnder Wertschätzung zu kämpfen hatte. In den Ausbildungs-Sessions mit Herrn Stadler hatten wir diesbezüglich ein großes Defizit entdeckt. Ich hatte mir lange Zeit nicht viel zugetraut und war von daher auf Wertschätzung von außen angewiesen, um mich gut zu fühlen. Früher bin ich bei Kritik gern aus der Haut gefahren, aber das hat sich jetzt deutlich geändert: Heute bin ich in der Lage, meine negativen Gefühle zu reflektieren. Ich weiß jetzt, wie sie bei mir entstehen, kann sie inzwischen gut regulieren und handle dann auch nicht mehr vorschnell, was mir in der Vergangenheit auch von Nachteil war, sondern reflektiert und dadurch auch souverän.

zu 3) Zur Klärung der Relevanz wandte ich mich an zwei von Georgs Kollegen, um sie um ihre Meinung zu fragen. Auch sie waren mit dem sprachlichen Stil und der Art und Weise der E-Mail nicht einverstanden, einer der beiden hatte seine Meinung auch schon bilateral Georgs Vorgesetzten mitgeteilt.

zu 4) Da unsere beiden Fachbereiche durch zahlreiche Schnittstellen verbunden sind, war eine weitere Kooperation ziemlich wahrscheinlich.

Mit dem Wissen um die Meinung meiner Kollegen, dem Wunsch nach einer vernünftigen Zusammenarbeit und der durch die Reflexion gewonnenen Ruhe konnte ich also souverän mit der Situation umgehen und  entschied mich für eine entschärfte Reaktion auf Georgs E-Mail: In einer privaten E-Mail fragte ich ihn ironisch, aber schon auch bissig, wann eigentlich sein Kommunikationstraining stattfände, das er im Rahmen seiner Beförderung bekommen sollte.

Georg machte dann auch keine große Sache mehr draus, vielleicht war er mit seiner überschießenden Aktion im Nachhinein auch nicht so glücklich gewesen.

So nahm alles ein gutes Ende, ich weiß, dass (und warum) Emotionen schon mal hochkochen können und vor allem, wie man sie auch wieder abkühlt und größere Konflikte gar nicht erst ausarten lässt.

aaa

Anmerkungen in eigener Sache:

Manche unserer Leser waren etwas enttäuscht über den – wie sie fanden – “schwachen Schluss” dieses Berichts. Sie hätten sich ein spektakuläreres Ende gewünscht. Aber geht das denn überhaupt oder wäre es in diesem Fall möglich gewesen?
Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass, je lockerer Menschen Konflikte deeskalieren können, desto weniger Aufhebens machen sie darum.
Wir jedenfalls freuen uns mit Harald über seinen Bericht und vor allem über seinen persönlichen Erfolg!