Und immer wieder sind die anderen schuld

 von Sabine Stadler.

Wahrscheinlich kennt jeder Zeitgenossen, die Fehler gerne anderen in die Schuhe schieben. Schuldzuweisungen sind beliebt, liefern sie doch immer gleich die “Ent-Schuldigung” mit und schaffen damit sofortige Erleichterung eines Zustands, der für manche Menschen unerträglich scheint: für sich selbst verantwortlich zu sein. Ein Blick sowohl in die Medien als auch in das eigene Umfeld lässt den Eindruck entstehen, die “Nicht-Schuldigen” seien auf dem Vormarsch.

Eigentlich freuten wir uns auf den Abend. Die Gruppe ehemaliger Studienkollegen hatte sich lange nicht gesehen. Einen Termin zu finden, zu dem alle kommen konnten, war nicht einfach gewesen. Auch die Entscheidung für ein Lokal war – verglichen mit früher – ungewöhnlich schwierig. Aber egal, die Freude auf das Wiedersehen überwog, allerdings mit einer kleinen roten Flagge im Hinterkopf: Florian würde auch dabei sein. Florian, der sich selbst als “Systemkritiker aus Leidenschaft” bezeichnete und den wir damals eher als Spinner gesehen hatten. Florian, der schon vor Jahren immer alles so hinbiegen konnte, dass er nie schuld an irgendetwas war. Florian, der immer und überall dabei war, ohne groß aufzufallen, der mitlief, allerdings langsam, weil er etwas behäbig war. Florian, der es immer wieder geschafft hatte, schlechte Stimmung zu verbreiten. Die Bedenken waren schnell zur Seite gewischt, schließlich ging es darum, zu zeigen, wie man sich weiterentwickelt hatte und zu sehen, was aus den Anderen geworden war. Der Abend war dann ganz nett – dieses “ganz nett”, das als Bewertung immer dann herhalten muss, wenn kein wirkliches Ergebnis, kein Erfolg, kein persönlicher Energiegewinn zu verzeichnen ist. Denn: Die Atmosphäre wurde maßgeblich geprägt durch Florian, der zwar weder beruflichen Erfolg noch privates Glück vorweisen konnte, dagegen aber eine Art Perfektion darin entwickelt hatte, andere dafür verantwortlich zu machen. Natürlich war auch der Zeitpunkt für ihn schlecht und das Lokal unter seinem Niveau.

Warum manche Menschen nicht schuld sein können

Woher kommt die Eigenart mancher Menschen, die Schuld für alles, was ihnen widerfährt, bei anderen zu suchen? Sich (und anderen) keinen Fehler einzugestehen, kein Wort der Entschuldigung über die Lippen zu bringen? Eigentlich sollte es das Normalste der Welt sein, Fehler machen und sie zu korrigieren zu dürfen. Trial and Error, beliebte Problemlösungsmethode, braucht den Fehler quasi als Voraussetzung für den Lerneffekt, allerdings gilt das offenbar nicht im (zwischen-)menschlichen Bereich.

Ausgangspunkt dieser “Schuldabweisungstendenz” ist in vielen Fällen das Selbstwertgefühl, in diesem Fall ein schwach ausgeprägtes. Ein potenzieller Fehler wird schnell für das eigene Selbst bedrohlich und muss geleugnet oder abgewendet werden. Nicht selten wird der Grundstein dazu schon in der Kindheit gelegt, wenn Eltern oder weitere Bezugspersonen uns aus eigener Unsicherheit Fehler als etwas vermitteln, was unbedingt zu vermeiden ist oder – andersherum formuliert – uns einschärfen, immer alles “richtig” zu machen, am besten “perfekt” zu sein. Statt zu lernen, dass man Fehler machen darf und dass “richtig” oder “falsch” oft keine sinnvollen Kriterien sind, entwickeln sie Angst vor Fehlern und das prägt ihr Verhalten. Der Anspruch an die eigene Perfektion geht manchmal so weit, dass “etwas falsch machen” schlichtweg nicht vorstellbar ist, nicht vorkommen darf. Manche Menschen sind überzeugt, ohne Anerkennung anderer nicht überleben zu können und glauben, dass diese ihnen entzogen wird, sobald sie einen Fehler machen. Um also in der Gunst ihres Umfeldes nicht zu sinken, müssen sie ihre Fehler verbergen, leugnen oder “weiterleiten”. Der Fehler an sich wiegt so schwer, dass sie sich, wenn sie ihn zugeben, der Gefahr aussetzen, als Versager dazustehen und abgelehnt zu werden. Wieder andere mussten in ihrer Jugend als Sündenbock für alles Mögliche herhalten, tragen Vorwürfe und Beschuldigungen mit sich herum und fühlen sich noch heute schnell kritisiert oder gekränkt, wenn bestimmte Sätze fallen wie “Wieso hast du …?”, “Wie konntest du nur …?”oder “Du hast wieder mal …”.

Leichtere und schwere Fälle

Menschen, bei denen immer die anderen schuld sind, sind oft schlecht fassbar, schwer einzuschätzen, wenig verlässlich und ziehen sich immer irgendwie aus der Affäre. Und genau das ist ihr Ziel, auch wenn es ihnen nicht bewusst ist. Manche machen das sehr charmant, so dass man ihnen kaum böse sein kann. Andere weichen in Gesprächen ständig aus, wenn sie das Gefühl haben, “festgenagelt” zu werden oder tauchen unter, wenn es für sie brenzlig werden könnte. Die “Experten” drehen den Spieß um und suchen gezielt Fehler oder Schwächen bei anderen, die sie ausnutzen können, um von sich selber abzulenken, oder gehen gleich zum Gegenangriff über: “Wenn du … nicht …, dann wäre das nicht passiert.”

Der Haken an der ganzen Sache ist allerdings, dass die wenigsten Menschen verantwortlich sein wollen für das, was ein anderer zu verschulden hat, und sich ungern den “Schwarzen Peter” zuschieben lassen. Beziehungsfördernd ist ein solches Verhalten sicher nicht.

Wohin kann fehlendes Schuldbewusstsein führen?

Ein Mensch, der nicht schuld sein kann, (miss-)braucht andere Menschen, die oft genug für ihn den “Kopf hinhalten” müssen. Interessanterweise betrifft das nur negative Erlebnisse, positive Ereignisse werden problemlos sich selber zugeschrieben, Mitwirkende gar außen vor gelassen. Auch ein ehrlich gemeintes “Danke” kommt bei ihnen nicht vor. Manche dieser Menschen betrügen sich selbst oder machen sich etwas vor, fühlen sich nicht ernst genommen, nicht richtig wahrgenommen oder gegenüber anderen benachteiligt. Auf jeden Fall präsentieren sie ihrem Umfeld eine Person, die sie nicht sind, und setzen unterschiedliche Masken auf, je nachdem, in welcher Umgebung sie sich gerade befinden. Das Bild, das sie von sich vermitteln wollen, darf auf keinen Fall durch eigenes Verschulden beschädigt werden.

Trifft man auf Menschen, die jahrzehntelange Übung im Leugnen von Schuld haben, kann es besonders unangenehm werden. Sofern sie ebenso lange keine Sanktionen für ihr Verhalten erfahren haben, entwickeln sie eine grundsätzliche Rechtfertigung, eine Art Freibrief für ihre Machenschaften bis hin zu einer Sondermoral und gleichzeitig eine hervorragende Wahrnehmung für alles, was bei anderen Menschen an Schwächen, Fehl- oder Minderleistung auftritt und nutzbar sein könnte. Kein Vorwurf ist ihnen zu abwegig, keine Ausrede zu albern. Die schönste Freude, die man ihnen machen kann, ist ein Missgeschick, einen Fauxpas zu begehen, auf ein Hindernis zu stoßen oder irgendwie außer Gefecht gesetzt zu werden, dann bricht sich Schadenfreude Bahn, da kann man solche Leute, die ja meist schlecht gelaunt und latent aggressiv daherkommen, auch schon mal kurzfristig fröhlich erleben. Klar, sie sind ja dann tatsächlich nicht schuld!

Ganz raffinierte “Schuldabweiser” projizieren eigene Defizite auf andere und kritisieren sie dort. Im privaten Bereich “arbeiten” sie gerne mal mit emotionaler Erpressung und machen Partner, Eltern oder Geschwister für ihr (Un-)glück verantwortlich. Trifft man sie in Unternehmen womöglich auf Führungsebene, herrscht meistens Angstkultur um sie herum. Druck und Einschüchterung sind die Führungsinstrumente, da wird jeder Fehler, jedes Vergehen, jede Unzulänglichkeit in Dossiers gesammelt und bei Bedarf hervorgeholt. Wer als “Zielscheibe” in den Fokus gerückt ist, muss jedes Wort auf die Waagschale legen, nie weiß man, wie die eigenen Sätze ankommen, wie sie zerpflückt und wie einem die Worte im Mund herum gedreht werden. Und wenn sich kein konkretes Vergehen finden lässt, bleibt immer noch das Ausweichen auf die “Gefühlsebene” (“Ich fühle mich von dir verletzt.”), denn Gefühle sind weder beweispflichtig noch widerlegbar. Provokationen werden gezielt eingesetzt, um den anderen so dastehen oder reagieren zu lassen, dass er mit Recht verurteilt werden darf. Im Gegenzug achten die An-nichts-schuld-Seienden darauf, selber unberechenbar zu sein und vermeiden eigene konkrete Einlassungen und Festlegungen und am besten auch eigene Aktivitäten, denn dann wären sie ja “bewertbar”, also – nach ihrem Verständnis – angreifbar. In Unternehmen kann das wirtschaftliche Konsequenzen haben, wenn sich Mitarbeiter in ihrem Handeln nicht mehr daran orientieren, was von der Sache her sinnvoll ist, sondern daran, was sie tun oder unterlassen müssen, um keinen Ärger zu bekommen.

Wer immer nur die Schuld woanders sucht, jammert und sich bedauern lässt, provoziert und gegenschießt, wird an seinem Befinden nichts ändern wollen und zementiert damit seinen Status quo. Keine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, sie quasi zu delegieren, ist bequem und entlastet, hat aber Nachteile: Man fühlt sich Situationen ausgeliefert, nimmt vieles persönlich, hat das Gefühl, sich schützen zu müssen – aber natürlich wieder auf Kosten der anderen.

Wie geht man mit “Schuldabweisern” um?

Menschen, die keine Fehler zugeben können, sind eine Herausforderung für ihr Umfeld, privat und beruflich. Der Umgang mit ihnen kostet Kraft und ist nicht immer von Erfolg gekrönt. Statt immer wieder jede einzelne Eskalation zu bewältigen, empfiehlt sich eine zentrale Überlegung: Wie wichtig ist mir die Beziehung zu diesem Menschen? Will oder muss ich sie aufrechterhalten oder kann ich sie “kündigen”? Sollte der Umgang auch weiterhin nötig sein, tut man sich keinen Gefallen, wenn man sich auf die Verhaltensweise des Schuldabweisers einlässt, er wird immer gewinnen. Der beste Weg ist, den eigenen Kurs zu fahren, seinen eigenen Wirkungsbereich zu kennen und die eigenen Stärken einzusetzen, weil man dann am wenigsten angreifbar ist und am besten agieren kann. Dabei gleichermaßen klar und deutlich wie vorausschauend kommunizieren und mit eigenen Fehlern offen umgehen, um das Gefühl des Angriffs zu vermeiden. Und wenn alles nichts hilft: aus dem Weg gehen oder eine Beziehung beenden, auch wenn’s schwer fällt.

Der erfolgreiche Umgang mit der Presse

Von Hartmut Urban.

Die deutsche Pressefreiheit garantiert grundgesetzlich geschützt, unzen­siert Informationen und Meinungen veröffentlichen zu können.  Da aber für manche Journalisten nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, müssen in der Öffentlichkeit stehende Politiker wie Manager heute mehr denn je auch im Umgang mit der Presse höchst professionell sein, um einerseits selbst initiierte Veröffentlichungsinhalte steuern zu können, andererseits niemals unfreiwillig zum Gegenstand schlechter News zu werden. Wähler wie Shareholder und Anspruchsgruppen verzeihen das nur sehr selten, selbst wenn hier Ungerechtigkeiten offensichtlich werden. Deshalb ist es nützlich, die Rahmenbedingungen und Mechanismen der Presse zu verstehen, um jederzeit steuernd eingreifen zu können.

Medien leben wirtschaftlich von News. Doch wenn die nüchternen politischen Inhalte oder schlichten ökonomischen Zahlen nichts Verkaufbares hergeben, müssen oft Gerüchte, Mutmaßungen oder Unterstellungen herhalten, um die Attraktivität im Informationshandel zu steigern. Doch sollen Medien Politik und Wirtschaft erklären und selbst nicht in die Geschehnisse eingreifen. Übergriffe sind da kaum auszuschließen. In der Öffentlichkeit stehende Persönlichkeiten werden zum Zwecke der Auflagensteigerung – wie die Erfahrung lehrt – heute noch hoch gelobt und morgen vielleicht schon in den Boden gestampft. Beispiele gibt es zuhauf.

Als zusätzliche Gefahr kommen heute die technischen Möglichkeiten hinzu, welt­weit live dabei sein zu können, wenn irgendwo etwas von öffentlichem Interesse passiert. Selbst die TV-Redakteure haben heute kaum Gelegenheit, eine Meldung zu überprüfen bzw. die Folgen ihrer Verbreitung hinreichend zu durchdenken. Aktualität wird zum Diktat. Der Zwang, schneller sein zu müssen als die Konkur­renz, um beispielsweise Einschaltquoten zu sichern, geht zu Lasten der Qualität.

Geschwindigkeit oder Exklusivität scheinen die Attraktivität zu steigern. Wohin der Exklusivitätswahn aber auch führen kann, ist beispielsweise der Hitler-Tage­bücher des Stern erinnerlich. Auch hier hat der Zwang zur Schnelligkeit auf Kosten der professionellen Recherche viel Schaden angerichtet. Solange aber Verlagshäuser so vor allem sich selbst schaden, kann es Außenstehenden egal sein.

Doch wenn Manager oder Politiker unfreiwillig in die Presse geraten, ist guter Rat teuer. Oft helfen dann keine guten Zahlen oder besonderen Leistungen mehr. Die Karriere kann dann schneller zu Ende sein als gedacht. Die für die Betrof­fenen oftmals verheerende Wirkung wäre durch frühzeitiges professionelles Troubleshooting sicher abwendbar gewesen oder die Situation erst gar nicht entstanden, hätten diese Opfer ein paar wichtige Grundsätze im Umgang mit der Presse beachtet. Dabei hilft, sich in die Situation des Gegenüber versetzen zu können, um zu verstehen, worauf es wirklich ankommt.

Schützen können sich Manager und Politiker letztlich nur durch professionelle Unterstützung, die die Bewertbarkeit der jeweiligen Person auf der Grundlage von Wahrheit und Wahrhaftigkeit authentisch für Außenstehende transportie­ren, Brüche zwischen Sein und Schein vermeiden und Reden und Handeln plausibel in Übereinstimmung bringen. Nur so kommen keine Fragen auf, weil alles in sich schlüssig ist. Gerüchten wird so systematisch von Anfang an jeglicher Nährboden entzogen.

Informationslücken: Ein unterschätztes Risiko vermeiden

Von Hartmut Urban.

Menschen organisieren sich notwendigerweise seit jeher in Gemeinschaften. Dazu ist ein ständiger Informationsaustausch zwischen ihnen unabdingbar. So wie die Natur jeden Freiraum, ja letztlich jede Ritze besetzt und dort irgendein Leben entsteht, so werden zwischenmenschliche Informationslücken durch Phantasien bis hin zum Entstehen von Gerüchten gefüllt. Die Gefahr besteht, dass selbst werthaltige Informationen mit der Zeit nicht mehr durchdringen, wenn sich Phantasien verselbständigen oder Gerüchte um sich greifen. Aktive Informationsverbreitung mit dem Ziel der eigenen Informationshoheit bedarf einer steten Hege und Pflege. Nur so lassen sich Lücken vermeiden.

Da sich aber der überwiegende Teil von zwischenmenschlich ausgetauschten Informa­tionen unbewusst und damit kaum steuerbar vollzieht, ist es umso bedeutsamer, niemals aus der eigenen „auf den Leib geschneiderten“ Rolle zu fallen. Nur so passen idealer­weise verbale und nonverbale Kommunikation mit dem eigenen Handeln zusammen. So können keine Spielräume für Widersprüche und Interpretationen entstehen. Je mehr dies gelingt, desto authentischer und kalkulierbarer wirkt man.

Je nachvollziehbarer das Handeln ist, umso weniger Probleme können entstehen. Neben der direkten Kommunikation zwischen den Beteiligten spielt die über Entfernungen hinweg vermittelte Information eine bedeutende Rolle. Während am Telefon neben dem gesprochenen Wort noch Stimmungen, Untertöne, Emotionen als zusätz­liche Informationsquellen das Gesagte unterstützen oder auch konterkarieren, fallen diese in der rein schriftlichen Kommunikation sprichwörtlich „unter den Tisch“.  So bietet die schriftliche Informationsübermittlung Interpretationsspielräume. So wie es auch einen Unterschied macht, ob man Augen- oder Ohrenzeuge eines Geschehens ist oder das Ereignis nur vom Hörensagen bewerten muss.

Weil das so ist, sollte jeder verantwortungsvolle Mensch sein eigenes Handeln immer wieder re­flektieren. Die Informationsweitergabe muss nämlich möglichst exakt den Handlun­gen selbst entsprechen. Je mehr Lücken verbleiben, desto mehr Möglichkeiten erge­ben sich für Dritte, diese mit eigenen Vorstellungen, Erwartungen, Ängsten oder gar Phantasien zu füllen. Bekannt ist beispielsweise das Phänomen der Enttäuschung, wenn man die Verfilmung eines Buches sieht, das einen zuvor besonders betroffen gemacht hat. Hier wird die eigene Phantasie mit den konkreten visuellen Eindrücken des Films konfrontiert. Der Unterschied wird einem hier geradezu “vor Augen” geführt. Widersprüche zwischen Reden und Handeln, zwischen Taten und Informationen oder zwischen Phantasien und Wirklichkeit vermitteln generell ein ungutes Gefühl. Die Glaubwürdigkeit hängt dann oft sprichwörtlich „am seidenen Faden“.

Verantwortungsvoll agierende Menschen streben daher Deutungshoheit nicht nur über das eigene Handeln an, sondern auch über die Vermittlung ihrer Aktivitäten. Eine wirkungsvolle Kommunikation ist meist dem Handeln nachgelagert und nimmt darauf Bezug, und zwar immer auf der Grundlage nachvollziehbarer Ziele. Es heißt „tue Gutes und rede darüber“ und Reden lässt sich im Gegensatz zum reinen Handeln beliebig reprodu­zieren. Das bedeutet Chance wie Risiko gleichermaßen. Um die Risiken durch Diskrepanzen in engsten Grenzen zu halten und die Chancen durch Nachvollziehbar­keit zu nutzen, wächst dem Akteur eine zusätzliche Aufgabe zu: nämlich für die Interpretation des eigenen Tuns selbst nachhaltig Sorge zu tragen und bei Delegation die Qualität stets sicherzustellen.

Martin geht zur Bürgermeisterwahl

Von Hartmut Urban.

Martin hat beruflich bedingt seinen Wohnort gewechselt. In der neuen Stadt sind gerade Kommunal- und Bürgermeisterwahlen. Martin kennt dort aber keinen der Kandidaten persönlich. Er fragt sich daher, was einen guten Bürgermeister eigentlich ausmacht.  Ihm ist klar, Multitalente sind rar gesät. Spezialisten gibt es häufiger, doch welche Eigenschaften sind unabdingbar, welche eher verzichtbar? Martin kennt den Bürgermeister seiner früheren Heimatstadt gut und beschließt, ihn als Maßstab zu nehmen, denn dieser vereinigt seit Jahren alles Notwendige in sich, was nach Martins Auffassung einen fähigen, beliebten und erfolgreichen Bürgermeister letztlich ausmacht.

Der Bürgermeister aus Martins Heimatstadt ist leidenschaftlich gern unter Menschen, hat ein offenes Ohr für jedes Problem, hilft, wo er kann, und ist auch gern einfach mal nur gesellig. Auch im Rathaus verfolgt der die Politik der offenen Türen. Seine positive Grundstimmung strahlt auf die Menschen ab und gibt ihnen das Gefühl, auch in schwierigen Lagen ernst genommen zu werden. Die hohe Wertschätzung seinen Bürgern gegenüber mündet in professionelle Lösungsfindungsprozesse. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Im Mittelpunkt steht für diesen Bürgermeister der Mensch. Ihn in seinen Neigungen und Bedürfnissen zu verstehen, ist nach Martins Auffassung jene Fähigkeit eines wirklich guten Bürger­meisters. Wahren Einfluss auf die Bürgerschaft nimmt Martins Ideal eines Bürgermeisters, indem er sich die Informationshoheit in seiner Stadt sichert. Diese verschafft ihm die notwendige Durchsetzungskraft.

Ein erfolgreicher Bürgermeister muss für Martin auch alle Finanz- und Verwaltungsfragen im Rathaus mit Fach- und Sachverstand überschauen, bewerten und bewältigen können. Da er nicht Spezialist in jedem Gebiet sein kann, braucht er Manager-Qualitäten. Dazu ist delegieren und kon­trollieren vieler Aufgaben unabdingbar. Bürger und Vereine beispielsweise können leicht zu wahren Zeitfressern werden. Deshalb muss ein guter Bürgermeister auch „Nein“ sagen können, wo es notwendig ist. So verschafft sich so ein Bürgermeister notwendige Leistungsreserven, um nie an das persönliche Limit zu kommen.  Auch die unterschiedlichsten Charaktere von Kommunalpolitikern muss ein Bürgermeister unter einen Hut bringen können.

Martin weiß, auch in einer Kommune dreht sich alles um Geld. Die Stadtkasse wird ganz wesentlich von der Bürgerschaft selbst durch unpopuläre Steuern, Abgaben, Gebühren, Eintrittsgelder etc. gefüllt. Ver­teilungskämpfe um das Geld in der Stadtkasse sind auf der anderen Seite an der Tagesordnung.  Wer hier handlungsfähig bleiben will, muss Prioritäten setzen, ohne befürchten zu müssen, Wählerstimmen zu verlieren. Nur mit genügend verfügbarem Geld lassen sich langfristig neben den vielfältigen und in der Summe kostenintensiven gesetzlichen Pflichtaufgaben auch freiwillige Projekte verwirklichen. Eine Stadt oder Gemeinde, die wegen leerer Kassen nichts mehr selbst entscheiden kann, braucht am Ende auch keinen Stadtrat und einen Bürgermeister nur noch als Umsetzer der Vorgaben eines „Sparkommissars“. Damit es nicht so weit kommt, sollte ein Bürgermeister nach Martins Auffassung auch in finanziellen Fragen der Kommune kompetent sein, um sich nicht ausschließlich auf Politik und Kämmerei verlassen zu müssen.

Ein guter Bürgermeister muss nach Martins Überzeugung vom Wesen her auch ein Unternehmertyp sein, der Ideen hat und diese umsetzen möchte, der gern gestaltet, anstatt zu reagieren. Um schwierige Situationen – ob in der Verwaltung selbst oder in der Umsetzung von Projekten – zum Nutzen der Bürgerschaft meistern zu können, bedarf es eines Menschenschlags, der Projekte und komplexe Problemstellungen jedweder Art aktiv angeht, meint Martin. Da Bürgermeister auf Dauer weniger wegen schöner Worte als viel mehr auf Grund von guten Taten beurteilt und gewählt werden, sind sicht- und nutzbar gewordene Ergebnisse von Projekten Ausdruck erfolgreichen Handelns.

Martin hat sich vorgenommen, die Kandidaten seines neuen Wohnorts nach diesen Kriterien zu prüfen, inwieweit sie seinem Idealtyp des Bürgermeisters entsprechen. Davon wird er seine Wahl abhängig machen.

Mobbing – Wehret den Anfängen!

 von Sabine Stadler.

Mancher hat es schon selbst erlebt: Man trifft Kollegen, Freunde oder Verwandte, mit denen man vielleicht länger nicht in Kontakt war, und stellt fest, dass diese plötzlich “komisch” sind, ja einem sogar “feindselig” gegenüber auftreten. Man wundert sich und sucht nach einer Erklärung: Habe ich etwas falsch gemacht oder jemanden verärgert? Unter Umständen wird man sogar mit Vorwürfen konfrontiert, womöglich über Dinge, die entweder völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurden oder überhaupt niemanden etwas angehen. Und ganz instinktiv versucht man, sich zu verteidigen, dabei weiß man erst mal gar nicht, warum, wofür und gegen wen?

Mobbing kann in ganz unterschiedlichen “Verkleidungen” auftreten. Wenn Mobbing “gut gemacht” ist, kann es sogar sein, dass man eine Zeitlang gar nicht mitbekommt, dass man gemobbt wird. Der versierte Mobber ist nämlich oft “maskiert”, als Wolf im Schafspelz sozusagen unterwegs. Er zeigt sich nach außen als freundlicher Zeitgenosse und streut hinterrücks geschickt gezinkte Informationen, die den Betroffenen außer Gefecht setzen, zu falschem Handeln verleiten und ihm schlimmstenfalls erheblichen Schaden zufügen. Langjährige Mobbing-Experten legen parallel mehrere falsche Fährten, so dass der Betroffene auch noch gegen unterschiedliche Informationsstände kämpfen muss. Gleichzeitig sammelt der “Opfer-Täter” – denn als Opfer inszeniert er sich meistens – Kollegen, Freunde oder Verwandte als Verstärker – im Idealfall solche, die genauso ticken oder unter denselben “Nachteilen” leiden wie er – also gleichgesinnte Mitmacher -, andere muss er erst noch entsprechend manipulieren.

Warum mobbt jemand?

Es wird viel geschrieben über Mobbing. Die google-Suche ergibt 3,8 Mio Treffer. Man könnte davon ableiten, dass viele Menschen betroffen sind und Mobbing in vielen verschiedenen Kontexten vorkommt. Die eigene Erfahrung zeigt: Mobbing kommt im unternehmerischen Umfeld, in der Politik und in Familien vor und so unterschiedlich die einzelnen Fälle sind, es gibt immer auch Gemeinsamkeiten:

  • Der Mobbende handelt meistens aus einem Gefühl der Schwäche heraus: Wer einen (vermeintlichen) Mitbewerber um eine Position, einen materiellen Vorteil oder die Gunst eines Dritten unschädlich machen möchte, sich aber fachlich oder persönlich aufgrund eigener Defizite nicht mit ihm messen kann, der bevorzugt den “energiearmen” Weg des Schlecht-Redens oder Lächerlich-Machens, des Diskreditierens, des Verbreitens falscher Tatsachen, des Schikanierens, der Ausgrenzung etc. Man muss dabei berücksichtigen, dass die Definition von “Schwäche” oder des jeweiligen Defizits zunächst einmal bei demjenigen liegt, der sich sozusagen unfairer Mittel bedient. Das macht es für eventuelle Opfer oder Außenstehende natürlich schwierig, die Aktivitäten des Anderen richtig einzuordnen bzw. die Zeichen richtig zu deuten, weil sie die Einschätzung womöglich gar nicht teilen oder weil das, was sich abspielt, ihr eigenes Vorstellungsvermögen weit übersteigt. Kinder (aber auch nicht nur die) beispielsweise mobben schon mal Mitschüler, die einfach nur “anders” sind – in Aussehen, Herkunft, Fleiß, Intelligenzgrad, (Un-)Sportlichkeit etc. – weil sie mit dem “anders” nicht zurechtkommen.
  • In der Regel liegen in der übergeordneten Organisation ein Konflikt, ungünstige Machtverhältnisse oder ungeklärte Verantwortlichkeiten in Verbindung mit unzureichender Kommunikation vor. Diese “Organisation” kann ein Unternehmen, eine Abteilung, eine Familie, ein Verein, eine Schulklasse o.ä. sein. Ein Vorgesetzter beispielsweise, der seinen Mitarbeitern Verantwortung als Gesamtpaket übergibt, ohne die einzelnen Zuständigkeitsbereiche zu kommunizieren, sieht sich nach einiger Zeit womöglich einem verdeckt ausgetragenen Machtkampf ausgesetzt. Dass sich das nicht unbedingt günstig auf die Arbeitsergebnisse auswirkt, liegt auf der Hand: Die Energie der Mitarbeiter fließt ja hauptsächlich in den Kampf!
  • Die Gemobbten liefern nicht selten die Vorlagen dazu, was ihnen jedoch in der Regel nicht bewusst ist. Hier Ursachenforschung zu betreiben bedarf allerdings kompetenter und einfühlsamer Unterstützung.

Was also tun?

Nicht zu lange abwarten! Verständlicherweise befindet man sich in der akuten Mobbingsituation emotional im Ausnahmezustand und neigt schon mal dazu, die Situation falsch einzuschätzen oder überzureagieren. Am besten sucht man sich Hilfe: einen unvoreingenommenen Dritten, der zu dem Fall möglichst keine Verbindung und damit keine eigenen Interessen hat. Ganz wichtig ist eine genaue Analyse des Mobbing-Sachverhalts, denn von ihr hängt ab, wie der Lösungsweg aussehen sollte.

Während der Analyse-Phase geht es vor allem darum, zu erkennen, wer mobbt, wie jemand mobbt –  offensichtlich oder im Verborgenen, mit oder ohne Publikum – und warum er mobbt: Will er etwas erreichen oder etwas vermeiden oder verhindern? Es geht außerdem darum, den Kontext richtig abzustecken: Ist der Mobbingfall auf eine bestimmte Situation begrenzt oder “global”? Handelt es sich um eine Sach- oder eine Beziehungsfrage? Welche Zusammenhänge und Auswirkungen spielen eine Rolle? Welche Hinweise finden sich in der Situation des Mobbers bzw. wo liegt überhaupt sein “Energieverlust”?

Der erste Impuls in Richtung Gegenmaßnahmen ist oft, sich an eine höhere Instanz zu wenden, nach dem Motto: Da muss es doch jemanden geben, der mich schützt oder mir Recht gibt. Leider stellt sich dann heraus, dass die höhere Instanz – sofern überhaupt vorhanden oder zu ermitteln – entweder überfordert ist oder sich für nicht zuständig erklärt. Juristische Maßnahmen sind meistens nicht sehr vielversprechend, dafür langwierig und unangenehm, man muss also schon selber aktiv werden. Ganz wichtig: Überlegen, was das eigene Ziel ist – ohne roten Faden keine eigene Strategie! Hat man selbst als Betroffener ggf. die Verantwortung irgendwann aus der Hand gegeben? Die Aktivitäten des Mobbers daraufhin prüfen: Was schadet einem, was nicht. Was kann man ignorieren, wo sollte man reagieren. Und wie kann man die Reaktion in Aktion umleiten, also selber zum Handelnden werden,  den Mobber in die Reaktion zwingen und so die Verantwortung wieder selber übernehmen.

Über eines sollte man sich klar sein: Nichts tun bedeutet zustimmen. Der Mobber sieht sich bestätigt und macht ungehindert weiter. Auch Mitleid sollte man mit dem Mobber zu keiner Zeit haben! Er wird dieses sofort als Instrument aufnehmen und zu seinen Gunsten verwenden. Ein Mobber hat stets nur seine eigene Befindlichkeit im Blick! Das immerhin könnte man sich von ihm abschauen: Sich nicht zermürben lassen, sondern auf die eigenen Stärken konzentrieren und das eigene Ziel verfolgen – zur Sicherheit mit Unterstützung!

Langzeitarbeitslose wieder fit machen nützt allen

Von Hartmut Urban.

Die Gemeinschaft Steuern zahlender Bürger einer Kommune trägt bei Langzeitarbeitslosen eine nicht unerhebliche Last. Die gesamtfiskalischen Kosten registrierter Arbeitsloser liegen im Jahr bei ungefähr 20.000 Euro pro Arbeitslosem selbst, die Kosten für die Familienmitglieder noch nicht eingerechnet. Viele Langzeitarbeitslose, so die These, sind trotz ihrer Potenziale mut- und orientierungslos und damit handlungsunfähig. Sie wieder fit im Sinne von selbst handlungsfähig zu machen, würde nicht nur sie und ihre Familien stärken, sondern auch förderlich sein für das soziale Umfeld am Wohnort wie für die beteiligten Unternehmen. Die Kommunen könnten statt hoher Ausgaben Mehreinnahmen verbuchen.

Martin ist seit Jahren mal wieder in seiner ehemaligen Stammkneipe. Er trifft dort auf Kalle, einen Jugendfreund. Kalle war früher stark, kreativ und voller Tatendrang. Wo er war, gab es keine Lange­weile. Nach kurzem Smalltalk wettert Kalle auf einmal unvermittelt los, beklagt sich über Ungerechtig­keiten und Gängeleien der Arbeitsverwaltung. Er bekäme seit Jahren nicht genug Geld, um anständig über die Runden zu kommen. Er könne auch nichts dafür, dass er seit vielen Jahren keine Arbeit findet. Martin fragt, inwieweit Kalle selbst seine Situation zu verändern gedenke. Doch er bekommt als Antwort nur ein Achselzucken.

Martin denkt die nächsten Tage über die Begegnung nach. Kalle nutzt die Sozialsysteme, ohne seine Situation aber wirklich genießen zu können. Das ist keine Hilfe zur Selbsthilfe, bewertet er die Situation. Ein „arbeitsloses Einkommen“ macht abhängig und nimmt auf Dauer die Freiheit, selbst­bestimmt zu leben, erkennt Martin. Und irgendwelche Qualifizierungsmaßnahmen als Aktionismus, ohne einen sofortigen spürbaren Nutzen für die Betroffenen, helfen Kalle nach Martins Auffassung auch nicht. Gesunde arbeitsfähige Menschen brauchen keine zeitlich unbegrenzte Unterstützung, meint Martin. Aktiv werden und für sich und andere Gutes tun kann beinahe jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten und Neigungen. Martin war mal in Vietnam und hat dort gesehen, was die Menschen alles tun, um mit der Familie ohne staatliche Unterstützung zu überleben. Manche sitzen beispielsweise mit einer Luftpumpe am Straßenrand und bieten gegen Kleingeld Hilfe an, wenn ein Fahrrad oder Motorrad einen Platten oder sonst wie Schwierigkeiten hat. Ein solches Eigenengagement ist ihm eindrucksvoll in Erinnerung geblieben.

Martin ist der Meinung, dass jedem Einzelnen des deutschen Volkes von Natur aus eine gewisse unerschöpfliche wie schlummernde Kraft innewohnt, seine persönliche Situation selbst in den Griff zu bekommen, wie die friedliche Revolution 1989 in der DDR ihm gezeigt hat. Viele Menschen, meint er, sind nach 1989 in ihrer persönlichen Entwicklung regelrecht explodiert und haben es zu Führungspositionen in Wirtschaft und Politik, ja sogar bis in die höchsten Staatsämter des wiedervereinigten Deutschlands geschafft.

Deshalb hat sich Martin vorgenommen, noch einmal mit Kalle zu reden. Martin kennt Kalle und weiß, er kann es schaffen, aus der subjektiv hoffungslos erscheinenden Lage herauszukommen. Das vermeint­liche Labyrinth seines Lebens ist ein Trugschluss. Kalle sollte sich wieder auf sich selbst besinnen und seinen inneren Kräften freien Lauf lassen, dann wird er mit seinen Fähigkeiten und Neigungen durch­starten, erfolgreich sein und im Ergebnis auch sozial handeln können. Kalle braucht einen Coach, der ihm hilft, sich selber wieder besser zu spüren, seinen Gefühlen zu vertrauen, die ihm helfen, richtig zu entscheiden und dadurch auch erfolgreich zu handeln.

Als Martin zufällig den Bürgermeister seiner Heimatstadt trifft, erzählt er ihm von seiner Idee, Langzeitarbeitslose mit Potenzial zum Nutzen aller wieder handlungsfähig zu machen. Der Bürgermeister, der zwar keiner Optionskommune vorsteht, greift dennoch die Idee sofort auf, weil er sofort den Nutzen auch für die Stadtkasse sieht. Zudem ist ihm ein verbessertes soziales Umfeld in seiner Bürgerschaft wichtig. Der Bürgermeister erkennt, dass er derjenige ist, der die Idee von Martin am besten vorantreiben und zum Erfolg führen kann. Er hält vor Ort alle wichtigen Kontakte, kann mit einem Pilotprojekt die Agentur für Arbeit entlasten und die heimische Wirtschaft gezielt mit guten Arbeitskräften versorgen. Er kann mithelfen, dass die Langzeitarbeitslosen sich wieder selbstbestimmt und selbstbewusst fühlen und so anerkannte Mitglieder der lokalen Gesellschaft werden. Alle können profitieren, die Steuerzahler der Stadt durch niedrigere Abgaben, das soziale Umfeld durch Ruhe und Ordnung, die Familien der Betroffenen durch planbares höheres Einkommen sowie die Arbeitslosen selbst durch Selbstachtung und Selbstverwirklichung. Nebenbei, so das Kalkül des Bürgermeisters, wird ein derart erfolgreiches Pilotprojekt  als Teil des Stadtmarketings seine Stadt über die Grenzen hinaus positiv bekannt machen und dazu beitragen, seine ohnehin lebenswerte Stadt noch attraktiver werden zu lassen.

Wann werden Geräusche zur Lärmbelästigung?

Von Hartmut Urban.

Martin ist seine Handlungsfähigkeit wichtig. Er bemerkt, dass er besonders auf unüberhörbare, nicht enden wollende oder wiederkehrende Geräusche, die er nicht selbst beeinflussen kann, empfindlich reagiert. „Ich habe niemanden autorisiert, sich meines sensiblen Trommelfells im Kopf in belästigender bis unerträglicher Weise zu bemächtigen“, stellt Martin fest. Aber erst die empfundene Ohnmacht, oft nichts dagegen tun zu können, könnte ihn auf Dauer gar depressiv machen. Martin entschließt sich, Situationen von Beeinträchtigungen, die er als lärmend wahrnimmt, für sich bewertbar machen zu wollen. Nur so meint er, auch dann handlungsfähig zu bleiben.

Lebensqualität ist für Martin untrennbar mit technischem Fortschritt verbunden. So wägt er bei der modernen Arbeitsteilung die jeweiligen Vorzüge gegen negative Begleiterscheinungen für sich ab. Wenn eine positive Bilanz herauskommt, kann er damit leben. Martin lernt, Lärm und Lautstärke sind subjektive Empfindungen, die schwierig messbar sind. Das menschliche Gehör ist ein Schalldruck­empfänger. Unkontrollierbare Körperreaktionen von Anspannung bis hin zu erhöhter Abwehr- oder Fluchtbereitschaft kommen bei Martin in Situationen vor, die weniger mit dem eigentlichen Geräusch, als vielmehr mit der dabei empfundenen Handlungsunfähigkeit zu tun haben. Martin folgt dann automatisch der natürlichen Überlebensformel „Flüchten oder Kämpfen“. Er fragt sich, warum er selbst bei vorhersehbarem Lärm angespannt und gereizt reagiert. Kognitiv kann er kaum gegensteuern. Ist ein Fehlalarm im Körper – verursacht durch Lärm – überhaupt vermeidbar? Das vegetative Nervensystem reagiert offensichtlich unabhängig vom Verstand mit erhöhtem Herzschlag, Bluthochdruck und Gefäßverengungen bis hin – bei lang andauernder Exposition – zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit ernsthaften Folgen, hat Martin nachgelesen. Statt Rezepte vom Arzt zu erhalten, lautet für Martin sein persönliches Rezept, Lärmbelästigungen – so weit wie ihm möglich – zu vermeiden und verstärkt die Stille zu suchen. Gesundheit ist ihm, so bewertet er seine Situation, Einiges wert.

Anders sieht es aus, wenn Martin selbst Lärm erzeugt. Hier kann er Gehörschutz im geschützten Bereich seines Gartens nutzen, ohne etwa Gefahr zu laufen, herannahenden Verkehr zu überhören. Nur die Köpfe seiner Nachbarn werden hier mit seinen Lärmabfällen zugemüllt, räumt Martin ein. „Lärm sackt tief ins Gehirn, das saugt ihn auf wie Löschpapier das Wasser. Zum Schluss ist man ganz durchtränkt mit Lärm, niedergeknüppelt und unfähig, zu denken“, beklagte sich bereits 1927 Kurt Tucholsky. Damit sich seine Nachbarn nicht als Lärmopfer empfinden, fragt er sie zuvor höflich und lässt ihnen auch schon mal was Gutes zukommen, denn Immobilienbesitzer oder Familien, die an den Ort gebunden sind, erleben wie Martin Geräusche, die sie nicht beeinflussen können, als zum Teil unerträglichen Lärm.

Das Grundgesetz sichert im Artikel 2 den Bürgern zu: „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt“. Lärm anderer ungefragt trotz garantierter „Unverletzlichkeit der Wohnung“ akustisch frei Haus in den Kopf geliefert zu bekommen, ist mit dem Geist des Grundgesetzes sicher nicht vereinbar. Lärm würde kaum entstehen, wenn die Verursacher keinen Nutzen hätten. Auf der anderen Seite kann mit „geschenktem“ Lärm der Beschenkte nicht handeln. Das macht zusätzlich handlungsunfähig. Funktionierende Arbeitsteilung basiert auf Interessenausgleich, das heißt, im Falle des Lärms müssen die Leidtragenden entschädigt werden. Auch Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ folgt der Logik eines Interessenausgleichs gegen widrige Umstände. Fehlende oder nicht rechtzeitige Realisierungen von Lärmschutzmaßnahmen sind mit dem jeweiligen Marktwert der Einsparung zu budgetieren, meint Martin. Dann werden die Geschädigten dank Entscheidungsalternativen aus der reinen Opferrolle in die Handlungsfähigkeit versetzt. Wie und in welchem Verhältnis sich der Staat und Betreiber von Unternehmen, die Lärm erzeugen, an einem Ausgleich für die Geschädigten beteiligen, wäre noch genauer zu erörtern.

Die Schweiz beispielsweise geht mit ihrer geplanten Lärmausgleichsnorm (LAN), auch Lärm-Batzen genannt, genau diesen Weg, den Martin favorisiert. Je mehr Dezibel über dem Lärmgrenzwert, desto höher die vom Verursacher individuelle jährlich zu zahlende  Entschädigung. Bereits heute gibt es in der Schweiz einen gesetzlichen Anspruch auf eine einmalige Entschädigung. Inwieweit die EU-Richtlinie 2002/49 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 25. Juni 2002 „über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm“ nach nunmehr 12 Jahren in nationales Recht umgesetzt wurde und ob die gesetzlichen Schutzmaßnahmen die individuelle Handlungsfähigkeit und Gesundheitsprophylaxe der EU-Bürger im Blick haben, will Martin noch prüfen.

Geeignete Eingangstests für die Bundeswehr erhöhen die Schlagkraft, verringern Leid und reduzieren Kosten

Von Hartmut Urban.

Martins Sohn ist in dem Alter, in dem Zukunftsentscheidungen anstehen. Auch eine Karriere bei der Bundeswehr steht mit auf dem Prüfstand. Martin als verantwortungsbewusster Vater fragt sich im Spannungsfeld „Traum und Trauma“, ob die Bundeswehr gerade für seinen Sohn eine sinnvolle Option ist.  Kann er sich insbesondere wirklich darauf verlassen, dass die Tauglichkeit seines Sohnes vor Eintritt in den Dienst bei der Bundeswehr verantwortungsvoll und umfassend geprüft wird? Immerhin kommt jeder fünfte Soldat laut einer speziell in Auftrag gegebenen Studie nachhaltig traumatisiert vom Auslandseinsatz zurück.

Angesichts dieser Problematik ist Martin irritiert, womit sich die Bundeswehr offenbar öffentlichkeitswirksam beschäftigt. Ist ein familienfreundliches, ausreichendes Angebot an Kindertagesstätten wirklich die primäre Fragestellung, die eine Bundesministerin der Verteidigung zu beantworten hat? Ist die Bundeswehr wirklich eher ein Familienbetrieb als ein mit Verteidigungs- und Kampfeinsätzen betrautes Militär? Dürfte sein Sohn als Soldat Auslandseinsätze verweigern? Wohl kaum ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen, meint Martin.

Da es seit Jahren keine allgemeine Wehrpflicht mehr in Deutschland gibt, müsste sich seiner Meinung nach die Militärwirklichkeit in Richtung neuer Aufgabenstellungen verändert haben. Und dazu gehören eben auch Kampfeinsätze, und zwar nicht nur in Afghanistan. Hat die Bundeswehr bei der Auswahl der Soldaten dieses veränderte Anforderungsprofil hinreichend im Blick, will Martin wissen. Berücksichtigen die Verantwortlichen der Bundeswehr bei der Auswahl, was einen deutschen Soldaten heute wirklich ausmacht?

Martin kommt in Erinnerung, dass in seiner Jugend häufig von Deutschen die Rede war, die bei der französischen Fremdenlegion angeheuert hatten. Nach seiner Recherche waren nach 1945 mehr als die Hälfte aller Fremdenlegionäre deutschsprachig. Martin recherchiert, ob irgend etwas über Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nach schwersten Kampfeinsätzen der Fremdenlegion in Vietnam, Marokko, Tunesien oder Algerien zwischen 1945 und 1962 bekannt geworden ist. Martin findet nichts. Ob kollektives Verschweigen oder fehlende Studien hier die Ursache sind, kann Martin nicht bewerten. Doch die Frage bleibt: Warum ist über Posttraumata bei der Fremdenlegion so gut wie nichts bekannt, wohl aber im erheblichen Ausmaß bei der Bundeswehr?

Ein Vergleich zwischen Fremdenlegion und Bundeswehr bietet sich nach Martins Auffassung heute durchaus an, weil die französische Fremdenlegion sich ebenfalls hin zu einer schnellen Eingreiftruppe im internationalen Auftrag der Friedenssicherung gewandelt hat. Martin erfährt, dass die Auswahlkriterien bei der Fremdenlegion an die Militärtauglichkeit seit jeher sehr streng waren und im Laufe der Zeit noch weiter verschärft worden sind. Wurde früher überhaupt nur einer von acht Bewerbern genommen, so ist heute das statistische Verhältnis eins zu zwölf. Die physischen und psychischen Tests ziehen sich über Wochen hin und gehen bei jedem Bewerber ganz bewusst über die natürlichen Belastungsgrenzen hinaus, um sicherzugehen, diejenigen Legionäre zu bekommen, die sowohl für extreme Anforderungen im Einsatz wie auch für deren spätere Verarbeitung der Erlebnisse das nötige Rüstzeug mitbringen.

Martin meint, auch die deutsche Bundeswehr sollte ein vergleichbares Auswahlverfahren einführen, um letztlich nur die Soldaten zu rekrutieren, die nicht vorbelastet sind oder dem physischen und psychischen Druck standhalten können. Prophylaxe statt Reparatur, und zwar durch richtige Auswahl, so Martins Auffassung, verbessert nicht nur die Schlagkraft der Truppe, sondern bietet ohne unnötige Behandlung der Posttraumata mit allen gesellschaftlichen Folgen ein gigantisches Einsparpotential in Milliardenhöhe. Martin kommt zu dem Schluss, dass er ohne ein ebenso professionelles auf die Einzelperson ausgerichtetes wie nachvollziehbares Auswahlverfahren seinem Sohn die Bundeswehr derzeit als berufliche Perspektive nicht empfehlen kann.

Macht der Mindestlohn Sinn für Taxifahrer?

Von Hartmut Urban.

Martin genießt Flughafen-Taxitransferfahrten. Keine Wartezeiten, kein Schleppen der Koffer, kein Umsteigen, keine Parkgebühren und alles zum Festpreis. Außerdem vergeht die Zeit wie im Flug, wenn Martin sich mit den Fahrern ins Gespräch vertieft. Diesmal sitzt ein Akademiker am Lenkrad. Sie diskutieren über Sinn oder Unsinn des geplanten Mindestlohns für Taxifahrer.

Taxifahrer befördern Menschen und haben damit einen verantwortungsvollen Job, meint Martin. Sie sollten angemessen entlohnt werden. Daher hält er eine Mindestlohngarantie in diesem Fall für eine gute Sache. Doch die Lebenswirklichkeit vieler Taxifahrer sieht anders aus, entgegnet der Fahrer. Der größte Teil werde nicht nach Stunden, sondern leistungsorientiert anteilig am jeweilig erzielten Tagesergebnis bezahlt. Wenn in Zukunft Wartezeiten und Leerfahrten mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro honoriert würden, würden nicht mehr Kundenorientierung, Einsatzfreude und Cleverness belohnt. Wären stattdessen Trägheit und Desinteresse im Job die natürlichen Folgen? Wozu dann noch abstrampeln? Unter den Leidtragenden wären an Ende auch die Kunden selbst zu finden.

Der Fahrer berichtet weiter, Taxipreise werden nicht vom Unternehmen festgesetzt, wie etwa beim Bäcker um die Ecke, sondern von der öffentlichen Hand, sprich den Kommunen oder Kreisen. Wenn jetzt auch noch die Löhne in der Höhe und der Art der Berechnung vorgeschrieben werden, geraten Betriebe in die Ertragsklemme. Lizenzen, Personenbeförderungsschein und Versicherungsauflagen regulieren den Markt zusätzlich. Martin ist erstaunt, dass ein Taxifahrer so sehr die Interessen seines Chefs vertritt. Doch dieser will, wie er sagt, „nicht durch staatlich verordnete Insolvenz seinen Job verlieren“. Martin möchte mehr erfahren, denn noch immer kann er die Gesamtproblematik nicht hinreichend für sich bewerten. Ein Verband der Taxiunternehmen fordere eine Aussetzung der geplanten Mindestlohnregelung für mindestens 2 Jahre. Die vorgegebenen Preise müssten um 25-35 Prozent erhöht werden, um Insolvenzen in großem Ausmaß zu vermeiden. Die zuständigen Behörden seien aber erfahrungsgemäß nicht in der Lage, bis Anfang 2015 die höheren Preise festzusetzen. Martin fragt sich, wie es sein kann, dass der Staat Gesetze erlässt, die tief in die unternehmerischen Freiheiten eingreifen, aber offenbar nicht die Verantwortung dafür übernimmt, rechtzeitig hiermit korrespondierende Regelungen so anzupassen, dass Unternehmer wie deren Arbeitnehmer keinen Schaden erleiden?

Die Gewerkschaft ver.di in Berlin – so liest Martin am Flughafen – fordert die Arbeitsagenturen auf, die Ausgabe von „Bildungsgutscheinen“ zur Erlangung von Personenbeförderungsscheinen einzustellen. Langzeitarbeitslose würden diese in großer Zahl dazu nutzen, Taxifahrer zu werden. Ein derartiges  Ansinnen von ver.di bewertet Martin als unsozial. Qualifizierungsmaßnahmen für Transferleistungsempfänger helfen nicht nur den Betroffenen, sondern entlasten den Staat. Nur um den Mindestlohn für den Bestand an Taxifahrern langfristig am Markt durchsetzen zu können, soll ganz bewusst die Interessensgruppe der Taxifahrer gegen die, die es noch werden möchten, zu Gunsten der Gewerkschaftsbeitragszahler ausgespielt werden. Martin hat gelesen, dass Menschen mit Personenbeförderungsschein händeringend z.B. auch in der ständig wachsenden Branche sozialer Dienste und in Vereinen gesucht werden.

Wenn die staatlichen Aufgaben in den über 800 Taxitarifgebieten bundesweit nicht so organisiert werden können, dass notwendige Anpassungen an neue Gesetzeslagen zeitnah möglich sind, dann werden Taxiunternehmen durch die Mindestlohnregelung gezwungen sein, Nischen zu suchen, um weiter bestehen zu können. So gibt es offenbar bereits Überlegungen, die angestellten Fahrer zu kündigen und ihnen auf der Grundlage einer Selbstständigkeit den rollenden Arbeitsplatz „Taxi“ zu vermieten. Denn für Selbstständige gibt es keine Löhne und die Taxiunternehmen könnten die Miete der Fahrzeuge so kalkulieren, dass für sie eine Rendite garantiert ist, erfährt Martin.

Als Vereinsmitglied kennt Martin die Problematik beispielsweise von der Mannschaftsbeförderung. Wenn nun auch Übungsleiter unter den Mindestlohn von 8,50 Euro fallen, wird das Vereinsleben bundesweit leiden, bewertet er die Situation. Sollte aber das Ehrenamt von dieser Regelung ausgenommen werden, sind dann neben vielen scheinselbstständigen Taxifahrern vielleicht sogar  scheinehrenamtliche die Folge? Martin rechnet für sich durch und kommt zu dem Ergebnis, selbst ein um 30 Prozent erhöhter Preis für Taxifahrten wäre ihm der damit verbundene Komfort allemal wert.

Steht beim ADAC das Mitglied wirklich „im Mittelpunkt“?

Von Hartmut Urban.

Martin war vor Jahren aufgrund einer Panne ADAC-Mitglied geworden. Das gute Gefühl, im Notfall von einem „gelben Engel“ Hilfe zu bekommen, begleitete ihn seither.  Doch der öffentlich gewordene Betrugsskandal und das Machtgehabe der ADAC-Spitze irritierten Martin. Den Wahrheitsgehalt des werbewirksamen ADAC-Leitsatzes, wonach dort das „Mitglied im Mittelpunkt“ stehen soll, will Martin für sich überprüfen und bewerten.

In seinen alten ADAC-Unterlagen findet Martin nicht, wo genau er als ADAC-Mitglied zuzuordnen ist. Bei seiner Recherche im Internet stößt er unter „Meine Mitgliedschaft“ nur auf ein Angebot der ADAC-Visa-Card mit 3% Tankrabatt. Unter „Mitgliedschaftsberater“ werden Martin die diversen Arten von Mitgliedschaften im ADAC offeriert, aber keine konkrete Beratung zu seiner bestehenden Mitgliedschaft. Plötzlich findet er unter den Suchbegriff „ADAC“ auch „Gau“. Martin erfährt, dass der ADAC in 18 Gaue/Regional Clubs bundesweit aufgeteilt ist.  Dazu fällt ihm ein, dass das Dritte Reich ebenfalls in Gaue unterteilt gewesen war. Ein Zufall? Eine weitere Parallele springt Martin ins Auge: So wie man damals undifferenziert einfach „im Namen des Deutschen Volkes“ sprach, so vertritt der ADAC heute ungefragt die Interessen der „deutschen Autofahrer“, ob Mitglied oder nicht. Martin fragt sich, wer hat eigentlich wann dem ADAC die generelle Verantwortung für alle Autofahrer übergeben?

In der Satzung des ADAC steht u.a., dass der Mitgliedsbeitrag des örtlichen Clubs „im ADAC“ schon im Mitgliedsbeitrag des ADAC enthalten sei. Ist Martin am Ende in zwei Vereinen Mitglied, ohne es selbst entschieden zu haben?  Ein Delegierter für die „Hauptversammlung“ eines der 18 Gaue vertritt  laut Satzung 50 ADAC-Mitglieder der örtlichen Clubs. Martin rechnet nach: Bei 18,9 Million angegebener ADAC-Mitglieder bundesweit verteilen sich im Schnitt also 1,05 Millionen auf die 18 Gaue. Die Hauptversammlung eines Gaus müsste demnach – wenn alle Gewählten erscheinen – allein 21.000 Delegierten Platz bieten. Dass das nicht funktionieren kann, liegt für Martin auf der Hand.

So wie Martin die weiteren Einzelheiten der Satzung liest, wirkt sie auf ihn eher als Schutz vor den Mitgliedern denn als Einladung zur Mitarbeit. Die Mitgliederversammlungen der Gaue – liest Martin weiter – sind unabhängig von der Anzahl der Erschienenen immer beschlussfähig. Also im Extremfall auch dann, wenn am Ende allein der Regionalvorstand selbst unvollständig erscheint und damit für 1,05 Millionen Entscheidungen trifft! Die Vorstände der Gaue wie die Delegierten werden auf vier Jahre gewählt.

Martin hat aber nicht vor, in dieser seiner Meinung nach mitgliederfeindlichen Vereinsstruktur möglicherweise bis zum Eintritt seiner Altersrente alle vier Jahre einen neuen Versuch zu starten, in der für ihn verkrusteten Hierarchie irgendwann einmal eine Stufe höher in der ADAC-Vereinsstruktur zu kommen, um irgendwann einmal seine Kompetenz nutzbringend für den Verein einbringen zu können. So wird es wohl auch anderen gehen, die aktiv werden wollten. Die jahrelang geheim gehaltene unglaublich niedrige Beteiligung von ADAC-Mitgliedern an der Abstimmung zum „Gelben Engel“ spiegelt nach Ansicht von Martin das wahre Ausmaß an Desinteresse der Mitglieder am Verein „ADAC“ wieder. Wenn sich der ADAC beim „Gewinner“ „Lieblingsauto der Deutschen 2014“ auf lediglich 3409 gültig abgegebene Stimmen berufen kann, was rein rechnerisch gerade einmal 18 Stimmen je 100.000 Mitgliedern entspricht, und die Delegierten der Gaue laut Satzung jeweils 100.000 ADAC Mitglieder vertreten, für wie viele aktive Mitglieder im ADAC sprechen sie dann tatsächlich?

Martin erkennt, dass er im Verein des ADAC als Mitglied eben nicht im Mittelpunkt steht und kaum aktiv mitwirken kann. Die Strukturen lassen es nicht zu. Er möchte aber auch nicht, dass andere in seinem Namen Politik machen, auf die er keinen Einfluss hat. Er entscheidet sich, vergleichbare Grundleistungen wie Pannenhilfe anderer Anbieter zu prüfen, denn letztlich geht es ihm weiterhin vorrangig um das gute Gefühl, Hilfe im Notfall zu erhalten und selbst jederzeit handlungsfähig zu bleiben. Im ADAC geht das offensichtlich nicht, so sein Resümee.