Steht beim ADAC das Mitglied wirklich „im Mittelpunkt“?

Von Hartmut Urban.

Martin war vor Jahren aufgrund einer Panne ADAC-Mitglied geworden. Das gute Gefühl, im Notfall von einem „gelben Engel“ Hilfe zu bekommen, begleitete ihn seither.  Doch der öffentlich gewordene Betrugsskandal und das Machtgehabe der ADAC-Spitze irritierten Martin. Den Wahrheitsgehalt des werbewirksamen ADAC-Leitsatzes, wonach dort das „Mitglied im Mittelpunkt“ stehen soll, will Martin für sich überprüfen und bewerten.

In seinen alten ADAC-Unterlagen findet Martin nicht, wo genau er als ADAC-Mitglied zuzuordnen ist. Bei seiner Recherche im Internet stößt er unter „Meine Mitgliedschaft“ nur auf ein Angebot der ADAC-Visa-Card mit 3% Tankrabatt. Unter „Mitgliedschaftsberater“ werden Martin die diversen Arten von Mitgliedschaften im ADAC offeriert, aber keine konkrete Beratung zu seiner bestehenden Mitgliedschaft. Plötzlich findet er unter den Suchbegriff „ADAC“ auch „Gau“. Martin erfährt, dass der ADAC in 18 Gaue/Regional Clubs bundesweit aufgeteilt ist.  Dazu fällt ihm ein, dass das Dritte Reich ebenfalls in Gaue unterteilt gewesen war. Ein Zufall? Eine weitere Parallele springt Martin ins Auge: So wie man damals undifferenziert einfach „im Namen des Deutschen Volkes“ sprach, so vertritt der ADAC heute ungefragt die Interessen der „deutschen Autofahrer“, ob Mitglied oder nicht. Martin fragt sich, wer hat eigentlich wann dem ADAC die generelle Verantwortung für alle Autofahrer übergeben?

In der Satzung des ADAC steht u.a., dass der Mitgliedsbeitrag des örtlichen Clubs „im ADAC“ schon im Mitgliedsbeitrag des ADAC enthalten sei. Ist Martin am Ende in zwei Vereinen Mitglied, ohne es selbst entschieden zu haben?  Ein Delegierter für die „Hauptversammlung“ eines der 18 Gaue vertritt  laut Satzung 50 ADAC-Mitglieder der örtlichen Clubs. Martin rechnet nach: Bei 18,9 Million angegebener ADAC-Mitglieder bundesweit verteilen sich im Schnitt also 1,05 Millionen auf die 18 Gaue. Die Hauptversammlung eines Gaus müsste demnach – wenn alle Gewählten erscheinen – allein 21.000 Delegierten Platz bieten. Dass das nicht funktionieren kann, liegt für Martin auf der Hand.

So wie Martin die weiteren Einzelheiten der Satzung liest, wirkt sie auf ihn eher als Schutz vor den Mitgliedern denn als Einladung zur Mitarbeit. Die Mitgliederversammlungen der Gaue – liest Martin weiter – sind unabhängig von der Anzahl der Erschienenen immer beschlussfähig. Also im Extremfall auch dann, wenn am Ende allein der Regionalvorstand selbst unvollständig erscheint und damit für 1,05 Millionen Entscheidungen trifft! Die Vorstände der Gaue wie die Delegierten werden auf vier Jahre gewählt.

Martin hat aber nicht vor, in dieser seiner Meinung nach mitgliederfeindlichen Vereinsstruktur möglicherweise bis zum Eintritt seiner Altersrente alle vier Jahre einen neuen Versuch zu starten, in der für ihn verkrusteten Hierarchie irgendwann einmal eine Stufe höher in der ADAC-Vereinsstruktur zu kommen, um irgendwann einmal seine Kompetenz nutzbringend für den Verein einbringen zu können. So wird es wohl auch anderen gehen, die aktiv werden wollten. Die jahrelang geheim gehaltene unglaublich niedrige Beteiligung von ADAC-Mitgliedern an der Abstimmung zum „Gelben Engel“ spiegelt nach Ansicht von Martin das wahre Ausmaß an Desinteresse der Mitglieder am Verein „ADAC“ wieder. Wenn sich der ADAC beim „Gewinner“ „Lieblingsauto der Deutschen 2014“ auf lediglich 3409 gültig abgegebene Stimmen berufen kann, was rein rechnerisch gerade einmal 18 Stimmen je 100.000 Mitgliedern entspricht, und die Delegierten der Gaue laut Satzung jeweils 100.000 ADAC Mitglieder vertreten, für wie viele aktive Mitglieder im ADAC sprechen sie dann tatsächlich?

Martin erkennt, dass er im Verein des ADAC als Mitglied eben nicht im Mittelpunkt steht und kaum aktiv mitwirken kann. Die Strukturen lassen es nicht zu. Er möchte aber auch nicht, dass andere in seinem Namen Politik machen, auf die er keinen Einfluss hat. Er entscheidet sich, vergleichbare Grundleistungen wie Pannenhilfe anderer Anbieter zu prüfen, denn letztlich geht es ihm weiterhin vorrangig um das gute Gefühl, Hilfe im Notfall zu erhalten und selbst jederzeit handlungsfähig zu bleiben. Im ADAC geht das offensichtlich nicht, so sein Resümee.

Wie bewertet Martin die Deutsche Bahn und was wäre sie ihm wert?

Von Hartmut Urban.

Martin, beruflich erfolgreich, aber noch voller Ehrgeiz weiterzukommen, fühlt sich verantwortlich für seine vierköpfige Familie. So irritieren ihn beispielsweise die vielen Steuern, Abgaben und Gebühren. In diesem Zusammenhang auf seine Meinung zum Staatskonzern „Deutsche Bahn AG“ angesprochen, hat Martin spontan kein Gefühl, wie er die Bahn für sich und die Situation seiner Familie bewerten soll, weil viel zu komplex. Martin weiß, die Bahn gehört zu 100 Prozent Deutschland, also dem deutschen Volk. Martin ist einer von den 73,8 Millionen Deutschen. Er, wie auch seine gesamte Familie, ist also Miteigentümer oder Shareholder. Martin erinnert sich: „Eigentum verpflichtet“. Doch was bedeutet das für ihn, der Bahn nicht nutzt und lieber Auto fährt?

Bisher ist völlig an ihm vorbeigegangen, dass die deutschen Steuerzahler jährlich rund 17 Milliarden an das Unternehmen „Bahn“ zahlen. Neu ist ihm auch, dass mit der sogenannten Bahnreform die Bundesbahn und die Reichsbahn mit zusammen 34 Mrd. Euro Altlasten vom Steuerzahler entschuldet wurden und dass inzwischen schon wieder 17 Mrd. Euro neue Schulden aufgelaufen sind. Diese abstrakt hohen Zahlen kann Martin nicht sofort bewerten; erst als er die rund 73,8 Millionen deutsche Staatsbürger mit den Milliardensummen in rechnerische Verbindung bringt und mit seiner Familie in Beziehung setzt, wird ihm klar, was das konkret heißt: 17 Mrd. jährlich bedeuten über 23 Euro pro Monat pro deutschen Staatsbürger, ob jung, ob alt. Also auch für ihn. Das sind über 90 Euro monatlich als rein rechnerischer Anteil für seine vierköpfige Familie, obwohl sie alle zu den über 90 Prozent der Deutschen gehören, die die Bahn so gut wie nie nutzen? Der seinerzeitige Schuldenabbau sowie die neu aufgelaufenen Schulden belasten den rechnerischen Anteil an Steuern seiner Familie mit noch einmal 270 Euro pro Monat für ein ganzes Jahr.

Bei solchen für ihn bewertbaren Summen fragt sich Martin: „Wie kann es dann zu den unzähligen Verspätungen kommen oder dass pro Woche – wie es heißt –  im Schnitt 200 Züge ganz ausfallen?“ Zudem sollen die  Sitzabstände von etwas über einem Meter beim ICE in der 2. Klasse auf  85,6 cm verringert werden, um so pro Waggon mehr Sitzplätze bei weniger Beinfreiheit anbieten zu können. Martin steht auf dem Standpunkt, Mobilität für Personen wie Waren sei für den Standort Deutschland wirklich wichtig – auf der Straße wie auf der Schiene. Doch dafür zahlt er ja KFZ- und Mineralöl-Steuern und auf diese Steuern noch einmal Mehrwertsteuer. Die Frage, ob der neue Stuttgarter Bahnhof S21 mit derzeit einmalig über 8o Euro pro Bundesbürger kalkuliert schon in der Gesamtrechnung der Deutschen Bahn enthalten ist, weiß Martin nicht zu beantworten. Doch das sind ja noch einmal mindestens 320 Euro, die der Staat von dem Steueraufkommen seiner Familie in den neuen Bahnhof steckt. Für ihn selbst und seine Familie ist es nicht von Interesse, ob die Fahrtzeit von Stuttgart nach Ulm um eine halbe Stunde verringert wird.

Neulich hatte Martin zufällig eine Sendung im Fernsehen verfolgt, wo so ein Prof. Christian Böttger von einer Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft verkündet hat, dass Milliarden der Instandsetzung und Erneuerung der Wegestrecken entzogen und zweckentfremdet im Ausland investiert würden. Wenig später las er in der Tageszeitung, die Europäische Kommission habe beschlossen, Deutschland wegen „vermuteter Wettbewerbsverzerrungen“ in Sachen unerlaubter Subventionen an die Deutsche Bahn AG vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen. In einer weiteren Sendung, so erzählt seine Frau, sei darüber berichtet worden, dass beispielsweise auch der Zug der englischen Königin sowie die berühmten roten Londoner Doppelstockbusse „Arriva AG“ gehörten, einem hundertprozentigen Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. In 15 europäischen Ländern, ja weltweit sei die Deutsche Bahn AG unterwegs, um Konkurrenzunternehmen aufzukaufen. Derzeit seien etwa 100.000 Mitarbeiter im Ausland für das deutsche Staatsunternehmen beschäftigt, ca. 200.000 in Deutschland.

 Martin weiß trotz der vielen Zahlen noch immer nicht, ob die 17 Milliarden an jährlichen Zuschüssen für die Bahn in Form von Steuergeldern gerechtfertigt sind, damit die Bahn weiter rollt, und ob die Gelder auch wirklich zweckbestimmt eingesetzt werden? Unübersehbar sind die vielen maroden Bahnhöfe und heruntergekommenen Bahnanlagen. Was er nicht sehen kann, erfährt er von einem Bekannten: Tausende von Stellwerken stammten noch aus der Kaiserzeit. Dann hört Martin noch, dass die Bezüge der Bahnchefs seit Anfang der 90er Jahre um das  Zwanzigfache gestiegen sind und sich die Zahlungen an die Vorstände verzehnfacht haben, doch was sagt das für sich genommen schon aus? Martin ist überzeugt, wer Verantwortung übernimmt und Leistung erbringt, muss auch entsprechend bezahlt werden. Da bildet für ihn das Bahnmanagement keine Ausnahme.

Ob – und wenn ja, inwieweit – die einzelnen Puzzle-Elemente schon ein stimmiges Gesamtbild für ihn ergeben könnten oder ob er als einer von 73,8 Millionen Shareholder von Deutschland noch weitere Informationen braucht, darüber hat sich Martin vorgenommen, bei Gelegenheit einmal in aller Ruhe ausführlicher Gedanken zu machen.

Anleitung zur Gründung einer Sekte – ein kritisch-ironischer “Leitfaden” zur Funktionsweise von Sekten

von Michael Weick.

Schaut man sich auf der Suche nach einer guten Geschäftsidee um, so scheint es heutzutage schwieriger denn je, ein funktionierendes Geschäftsmodell neu am Markt zu etablieren. Dieses gilt insbesondere auch dann, wenn man größere Investments vermeiden möchte; doch selbst mit diesen muss der Weg nicht zwangsläufig zum Erfolg führen, wie die Idee des Cargolifters einst eindrucksvoll illustrierte. Im Idealfall könnte dies daran liegen, dass Kunden heute anspruchsvoller auftreten und selber Situationen, Produkte und Dienstleistungen bewerten möchten. Oder dass ein Angebotsüberhang allerorts am Markt besteht und die verfügbaren Geldmittel nicht im selben Maß gesteigert wurden. Was könnte daher näher liegen, eine Geschäftsidee am Markt zu etablieren, deren Produkte und Konstrukte sich einer direkten Bewertung seitens der Konsumenten völlig entziehen? Und tatsächlich: Besucht man eine der seit vielen Jahren florierenden Esoterik-Messen der Republik, so sieht man sich schon nach kurzer Zeit einer ganzen Armada solcher nicht zu bewertender Produkte gegenübergestellt. Aber auch die meisten der erfolgreich agierenden Glaubensgemeinschaften, Kirchen und Sekten fallen eindeutig in diese Kategorie. Scheint deren Markt auf den ersten Blick zu schrumpfen, so liegt hier doch ein gigantisches Potential brach, das der Natur des Menschen geschuldet ist und von Seiten der Esoterik-Anbieter erfolgreich bedient wird. Wollen Sie daher nicht den zwanzigsten Aufkleber designen, der die immanente Macht trägt, seinen Verwender sicher vor allem Unbill der mobilen Kommunikations-Technologie zu schützen – sofern im rechten Winkel auf den Akku des Smartphones geklebt – sondern sich, getreu dem Motto „nicht kleckern, sondern klotzen“, noch zu Lebzeiten ein ewiges Denkmal setzen, so ist es Ihnen unbenommen, in die Fußstapfen bekannter Religionsstifter zu treten und Ihre eigene wachsende Sekte zu begründen. Das Rüstzeug dazu erhalten Sie hier in diesem Artikel.

Als Gründer oder Gründerin einer Sekte verfolgen Sie mit Wohlwollen, dass heutzutage den tradierten Religionen Scharen von einst treuen Mitgliedern verloren gehen und sehen darin Ihre Chance, denn die Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen nach gelebter Spiritualität bleiben unbefriedigt zurück. Diese große Lücke wollen Sie mit einer eigenen überragenden Lehre füllen, die Sie dann mit autobiographischen Schlaglichtern in eine Art von „Storyline“ integrieren werden. Gründe hierfür können in persönlichem Machtstreben oder pathologischem Narzissmus liegen, vereinzelt soll es aber auch schlicht um Geld gehen… Um diese Ziele zu erreichen, müssen Sie zwangsläufig eine kritische Masse an Mitgliedern rekrutieren und es schaffen, diese dauerhaft in Ihrem Dunstkreis zu halten, dann, ja dann haben Sie den Grundstein Ihres eigenen Sektengebäudes gelegt. Allen Religionen ist die Funktion gemein, den Menschen Erlösung anzubieten, so auch Ihrer, denn das Leben bleibt auch über den Tod hinaus bestehen und die Qualität dieses Lebens wird maßgeblich durch unser heutiges Leben bestimmt. Aber seien Sie gewarnt: Die Geschichte ist voll von Religionsstiftern, die ihr Leben als Märtyrer beendet haben…

Hinweise zur Lehre: Diese muss zu Beginn einen Allgemeinplatz aufgreifen und diesen dann im Sinne eines Alleinstellungsmerkmals in eine extreme Richtung lenken, wodurch sich die Lehre vollständig von den Erfahrungen der Menschen abstrahiert und dadurch nicht mehr bewertbar wird. Der Lieferant dieser Lehre bleibt im Dunkeln; allenfalls von göttlichen Offenbarungen, Engelsvisionen oder Channelings kann vage gesprochen werden. Am Ende muss eine „Heilige Schrift“ in Buchform herauskommen, denn die Menschen wollen es auch heute noch manuell begreifen und niemand stellt sich einen eBook-Reader auf den Hausaltar… Auch für die horizontale Verbreitung, sprich Missionsarbeit, ist so ein Buch Gold wert. Aus dem neu erschaffenen oder je nach Fantasiegrad synkretistisch zusammengestellten theologischen Gebäude müssen nunmehr eine rigide Moral sowie Rituale und Zeremonien abgeleitet werden, die sich im Laufe der Zeit in den Vordergrund drängen werden. So können Sie Vorschriften bezüglich Kleidung und Moden sowie erlaubter und verbotener Nahrungsmittel und Getränke einführen, was einen Dauerbrenner seit Jahrtausenden darstellt. Wer einen Bart trägt, ohne eine schriftliche „Bartberechtigungserlaubnis“ zu besitzen, darf beispielsweise nicht an einer privaten Universität im US-Bundesstaat Utah studieren… Diese starren Regeln und Vorschriften dienen dem Gehorsam zu den Führern und der Abhängigkeit von der Sekte, wodurch eine Verhaltensänderung im Sinne der Führer bewirkt werden soll.

Früher oder später ist jeder Gründer einmal verstorben und dieser Event markiert einen der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte der Sekte. Wird es Ihnen bis dahin gelungen sein, eine Organisation mit so viel Momentum aufzubauen, dass die gewonnenen Mitglieder auch ohne Ihr aktives Zutun  weiterhin gerne dabeisein wollen? In diesem Fall ist darauf zu achten, dass der Zugang bestimmter Mitglieder in die Elite der Organisation von oben bestimmt wird, damit der Machterhalt gesichert bleibt. Das Management stellt sich als legitimer Erbe des Gründers dar, insbesondere um Abspaltungen unzufriedener Mitglieder zu verhindern, und beweist diesen Status am besten durch „fortlaufende Offenbarungen“, d.h. die geheime Quelle hat die Organisation als legitimes Sprachrohr akzeptiert. Die obere Führung der Organisation agiert stets im Geheimen. Niemand weiß, wie diese arbeitet, so dass Raum für Fantasien der Mitglieder verbleibt. Diese Fantasien führen oft zu irrationalen Vorstellungen, beispielsweise, dass alle getroffenen Entscheidungen gottgewollt seien. Viele Entscheidungen werden nur vage verkündet, damit die Mitglieder ihre eigenen Fantasien hineinprojizieren können. Auf diese Art und Weise soll erreicht werden, dass die Mitglieder glauben, sie hätten Kontrolle und träfen eigene Entscheidungen. Hierdurch wird eine Art von „Sekten-Ich“ internalisiert, das auf die Mitglieder anschließend  kontrollierend wirkt. Dieser Prozess kann nicht ohne eine unbewusste Zustimmung der Mitglieder geschehen; diese unbewusste Zustimmung passiert, wenn jedes einzelne Mitglied alle Entscheidungen von oben als für sich gültig annimmt und sich zu eigen macht. Durch diese Mechanismen wird es möglich, die Organisation auf zukünftige Herausforderungen anzupassen, um immer aktuell und schlagkräftig zu wirken. Dieses kann jedoch so weit gehen, dass selbst der Gründer nach einigen Jahrzehnten seine eigene Kirche nicht mehr erkennen könnte…

Besonderes Augenmerk ist auf das Marketing zu legen, da mit diesem Wachstum und Zukunftsfähigkeit Ihrer Sekte bestimmt wird. Generell wird zwischen vertikaler und horizontaler  Verbreitung unterschieden, der Königsweg besteht aus beidem: Die Mitglieder sollen viele Kinder bekommen, die dann in der Glaubensgemeinschaft aufwachsen und dieser zu einem hohen Prozentsatz erhalten bleiben und gleichzeitig auch ihre Mitmenschen ansprechen und für die Kirche werben. Egal, was die Mitglieder machen, sie könnten stets mehr tun und erreichen, wenn ihr Glaube nur größer wäre! Auf diese Weise werden die Mitglieder dermaßen beschäftigt, dass sie gar keine Zeit haben, über Dinge nachzudenken oder diese zu hinterfragen und die Kirche wächst kontinuierlich weiter…

Ist noch die Frage offen, warum Menschen sich einer solchen Sekte anschließen und oftmals lebenslang mit großer Freude ihre Mitgliedschaft genießen. Durch das Eintreten in die Sekte hat man der Welt den Rücken zugewandt und wurde zu einem Auserwählten Gottes (oder eines anderen “Führers”), der es ab jetzt „richtig macht“. Wirkte die Welt vorher komplex, paradox und verwirrend, so werden in der Kirche komplexe Erfahrungen auf einfache Gegensätze reduziert, wodurch eine Traumwelt entsteht, in der alles in richtig und falsch eingeteilt werden kann. Das Mitglied tauscht quasi seine Zeit, seine Talente und insbesondere seine Geldmittel dafür ein, um Teil dieses elitären  Gruppenerlebnisses zu werden, wodurch ihm ein Leben bei Gott in den höchsten Himmeln verheißen wird. So gibt es Mitglieder, die in der realen Welt in einer professionellen Rolle beispielsweise als Arzt oder Staatsanwalt, erfolgreich tätig sein können; andere schaffen diesen Spagat nicht und leben ausschließlich in der Traumwelt, können dadurch im Alltag nur stark verzerrt selber bewerten und leiden unter der Ver- und Missachtung ihrer Mitmenschen, was sogar zu Erkrankungen seelischer und körperlicher Art führen kann. Nur in der Kirche fühlen sie sich dann sicher und gut verstanden…


Vielleicht wollen Sie an dieser Stelle gar nicht mehr selber eine Sekte begründen, kennen jedoch Menschen, die möglicherweise in den geschilderten Strukturen verstrickt sind und möchten diesen Hinweisen an die Hand geben. Hierzu haben wir ein PDF erstellt, das 23 Kennzeichen einer Sekte enthält. Gerne erhalten Sie dieses PDF auf Anfrage von uns kostenfrei per Mail zugesendet.

Abnehmen mit der hyperSKILL-Methode – und was die Gewichtsreduktion darüber hinaus über unser Wirtschafts- und Geldsystem erkennen lässt …

von Michael Weick.

Es war am letzten Tag des Jahres 2012. Der Verfasser saß mit einem Freund in Bayreuth beim Abendessen und sinnierte über gute Vorsätze für das demnächst beginnende neue Jahr. Diese waren schnell gefunden: Bei 1,76 m Körpergröße waren die 88,5 kg, die die Waage seit längerer Zeit anzeigte, einfach viel zu viel und sollten um 10 kg reduziert werden. Wie wäre es, die Erkenntnisse der hyperSKILL-Methode hierfür zu verwenden?

Das Problem: Können Sie sich noch an Ihren letzten Zoobesuch erinnern? Wenn ja, überlegen Sie doch einmal, wie viele übergewichtige Tiere Sie dort angetroffen hatten? Viele dieser Kreaturen fristen ein karges Dasein und werden in vielen Fällen daran gehindert, ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgehen zu können. Ja, viele von ihnen können sich weniger bewegen als der gestresste Manager in seinem Chefbüro. Und doch wirken sie gesund und munter, solange ihnen eine artgerechte Ernährung gereicht wird. Hierfür ist eine Schar von Tierärzten und Pflegern zuständig, die stellvertretend für die Tiere die Verantwortung übernehmen. Einen Ernährungsberater sucht man hingegen im Familienrestaurant des Zoos vergeblich. Hier wird die Verantwortung für gesundes Essen offenbar von niemandem getragen, nicht einmal von den Gästen selber. Würde man sonst dort wie überall in der Republik auf übergewichtige Mitmenschen mit unterschiedlichen Ausprägungen treffen? Studien meinen herausgefunden zu haben, dass in Deutschland bis zu 75 % der Männer und 60 % der Frauen als zu dick gelten, da diese einen „Body-Mass-Index“ (kurz BMI) von größer 25 aufweisen und daher per Definition als übergewichtig und ab einem BMI von 30 als fettleibig gelten. Damit soll Deutschland einen Spitzenplatz in Europa einnehmen. Und nachgewiesenermaßen liegt der Anteil an professionellen Bodybuildern, die naturgemäß einen erhöhten BMI bei geringem Körperfettanteil aufweisen, deutlich unter diesen Prozentwerten …

Die Lösung: Wie in meinem Text über Traumwelten angedeutet, interessieren sich Konsumenten nicht primär für die Funktion ihres Körpers und geben daher zu leicht Produzenten und Anbietern die Schuld für die Misere. Manch einer wittert gar eine Verschwörung, wenn er sich  hauptsächlich von Fastfood, Cola und Schokoriegeln ernährte und dabei krank und fett wurde… Dabei braucht es nur eine Kehrtwende um 180° und die Anbieter der „schlanken Linie“ stehen mit ihren „Light“-Produkten, Diäten und halböffentlichen Verwiegungen Gewehr bei Fuß. Wusste jemand nicht zu sagen, weshalb es zum katastrophalen Übergewicht kam, so wird er auch die Mechanismen des wundersamen Fettverlustes kaum nachvollziehen können und der sogenannte „Jo-Jo-Effekt“ ist quasi vorprogrammiert. An dieser Stelle setzt die hyperSKILL-Methode an, indem die Funktionen unseres Körpers systemisch analysiert und aus den gewonnenen Erkenntnissen intelligente Strategien abgeleitet werden können.

Unser Körper benötigt als energetisches System den kontinuierlichen Zufluss von externer Energie, die ihm vorzugsweise durch die Aufnahme von Nahrung zugefügt wird. Das hat zur Folge, dass Essbarem seit eh und je ein hoher Stellenwert eingeräumt wird. Will man jemandem etwas Gutes tun, so lädt man ihn zum Essen ins Restaurant ein oder backt ihm einen leckeren Kuchen… Wie grundsätzlich bei jeder Energievermehrung wird auch diese mit einem guten Gefühl belohnt und an dieser Stelle liegt die Krux, beispielsweise wenn dieser Mechanismus – vergleichbar mit allen Formen von stoffgebundenen Süchten – zum „Stimmungsmanagement“ genutzt wird…

Wie am Beispiel mit den schlanken Zootieren gezeigt, liegt der Schlüssel für den Abnehmerfolg in erster Linie bei der Ernährung. Über 26.000 Bücher sind hierzu im Buchhandel käuflich erwerbbar, ein Indiz dafür,  dass dieses Thema bereits erschöpfend erforscht wurde und den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Einzelne Aspekte hingegen sind weniger bekannt, wie das Wissen um die Wichtigkeit des Zeitpunktes der Nahrungsaufnahme:

Morgens sind die Kohlenhydratspeicher geleert und das Gehirn verlangt nach diesen. Als Schaltzentrale unseres Systems ist das Gehirn im besonderen Maße von Glukose, also Zuckermolekülen, als primärer Energiequelle abhängig. Da Gehirnzellen keine Kohlenhydratspeicher aufweisen, ist eine kontinuierliche Versorgung mit kohlenhydratreichen Lebensmittel durchaus wichtig. Führen wir daher am Vormittag unserem Körper genügend Kohlenhydrate in Form von Vollkornbrot, Müsli oder Weizenkleie zu, so besänftigen wir unser Gehirn, indem wir ihm das anbieten, was es von Natur aus benötigt. Enthält demnach unser Frühstück genügend hochwertige, komplexe Kohlenhydrate mit einem hohen Anteil von Ballaststoffen, so ist das Gehirn die nächsten 24 Stunden gut versorgt und zufrieden. Überschüssige Zuckermoleküle im Blut werden durch das Hormon Insulin abgebaut, indem diese als Fett gespeichert werden. Mittags könnte eine leichte Mahlzeit mit Frischobst, Salat, Gemüse und magerem Fleisch oder Fisch genossen werden. Ab 16:00 Uhr sollte die Ernährung ausschließlich aus eiweißhaltigen Lebensmitteln, wie Hüttenkäse, magerem Fleisch und Fisch oder einem Eiweißshake aus dem Mixer bestehen. Der große Vorteil von Eiweiß ist, das dieses den Körper lange sättigt und nicht in Fett umgewandelt wird. Darüber hinaus bewirkt Eiweiß auch keine Insulinausschüttung im Körper, wie sie nach jeder kohlenhydrathaltigen Mahlzeit erfolgt. Idealerweise wird dem Körper nach 18:00 Uhr dann nichts mehr an fester oder flüssiger Nahrung zugefügt. Befindet sich somit kein Insulin im Blut, wird später in der Nacht – für viele zum ersten Mal seit langem – das menschliche Wachstumshormon ausgeschüttet, wodurch sich der  Regenerationsprozess im Schlaf maximiert. Während andere sich dieses wundersame Hormon für teures Geld beim Arzt spritzen lassen, können wir es mit diesem einfachen Trick selber produzieren und die Wirkung komplett ohne Nebenwirkungen genießen.

Nur unsere Muskeln sind in der Lage, gespeichertes Körperfett in Körperwärme und Arbeitsleistung umzuwandeln, wodurch der Körperfettanteil gesenkt und infolgedessen das Gewicht reduziert werden kann. Dieser Prozess benötigt auch in Phasen der Ruhe und Entspannung Energie, beispielsweise während des Schlafens. Diese Energiemenge ist als Grundumsatz bekannt und liegt bei jedem Menschen etwas unterschiedlich. Angenommen wird oftmals ein Grundumsatz von etwa 2.000 Kilokalorien pro Tag. Führt ein Mensch eine radikale oder einseitige Diät durch, so leeren sich nicht nur seine Fettspeicher, sondern nimmt parallel auch die Muskelmasse kontinuierlich ab. Dadurch verringert sich in der Folge auch der Grundumsatz beträchtlich. Bewegung, Muskeltraining und eine eiweißreiche Ernährung stellen probate Wege dar, diesem Muskelabbau entgegen zu wirken. Der Vorgang der Fettverbrennung lässt sich zusätzlich durch einen natürlichen Eiweißstoff namens L-Carnitin optimieren, von dem während des Programms dem Körper täglich am Morgen bis zu 2.800 mg  oral zugefügt wurden.

Unser Körper kennt – entwicklungsgeschichtlich gesehen – nur natürliche und wenig behandelte Lebensmittel und diese haben zumeist eine viel geringere Energiedichte als durch menschliche Arbeit verdichtete Nahrungsmittel. Deswegen dauert es eine gewisse Zeit, bis unser System uns durch ein Sättigungssignal mitteilt, dass die Nahrungsaufnahme beendet werden sollte. Um dem Körper die Möglichkeit zu geben, diese Instinkte wieder zu reaktivieren, sollten wir anfangs unser Essverhalten mit unserem Verstand kontrollieren. Gestehe ich beispielsweise meinem Körper eine tägliche Energieaufnahme von 1.200 kcal zu, so werde ich die Lebensmittel viel bewusster auswählen, um genügend große und sättigende Portionen davon essen zu können. Automatisch verändert sich dabei die Ernährung von hochkalorischen Speisen zu einfacheren und weniger verdichteten Lebensmitteln. Um jedoch zu verhindern, dass sich der Körper an die verringerte Energiezufuhr gewöhnt, darf einmal pro Woche ein „Schlemmertag“ eingeplant werden, an dem nach Herzenslust alles genossen werden kann, wonach Gehirn und Körper gelüsten. An einem solchen Tag wäre selbst der Genuss von Bier, sprich reinen Kohlenhydraten, am Abend erlaubt… Auf diese Weise können je nach individuellem Stoffwechselniveau zwischen 0,5 kg und 2 kg Fett verbrannt und dauerhaft von der Gewichtsanzeige der Waage verbannt werden.

Um die Leber und die Nieren bei ihrer Entgiftungsfunktion zu unterstützen, empfiehlt es sich, zusätzlich viel Wasser, Kräutertee oder ungesüßten Kaffee zu trinken, wodurch auch ein mögliches Hungergefühl erträglicher wird.

Als Motivation und Kontrolle sollte man sich täglich gleich nach dem Aufstehen wiegen und die Werte in einem Notizbuch oder einer einfachen Excel-Datei dokumentieren. Es ist erstaunlich, wie exakt unser Körper auf unterschiedliche Bedingungen reagiert. Da auch alle eingenommenen Nahrungsmittel und Getränke notiert werden, kann man nach einigen Eingewöhnungstagen präzise jede Abweichung analysieren. Das Ziel ist jedoch, die Funktion des Körpers kennenzulernen, um nach den sechs Wochen intuitiv eine gesündere Lebensweise fortführen zu können, ohne bewusst mit dem Verstand immer kontrollieren zu müssen. Auf diese Weise braucht man auch den Jo-Jo-Effekt nicht mehr zu befürchten! Das setzt wie erwähnt voraus, dass wir uns selber sehr gut kennenlernen. Menschen bewerten unterschiedliche Bedürfnisse in ähnlicher Weise und jede Bewertung mündet in ein Gefühl, das weitere Aktivitäten nach sich ziehen wird. Jemanden, der aus Langeweile unkontrolliert Kartoffelchips und Schokolade verzehrt, zu einem Stressbewältigungskurs der örtlichen Gesundheitskasse zu schicken, könnte daher möglicherweise nicht die erhofften Resultate erzielen …

Falls Sie wissen möchten, wie das Programm bei mir gewirkt hat und welche Ergebnisse ich damit erzielen konnte: Am 53. Tag war der Körperfettanteil meines Körpers um 6,5% gesunken und das Körpergewicht um etwas mehr als 13 kg reduziert. Mit den gewonnenen Erkenntnissen wird es nun noch leichter sein, das Körpergewicht weiter zu reduzieren und dauerhaft zu halten.

Und was hat dieses nun mit dem eingangs geschilderten Wirtschafts- und Geldsystem zu tun? Eine Denkeinheit möchte ich Ihnen an dieser Stelle vorab anbieten: Wann immer ein natürliches Thema extrem kompliziert dargestellt und so getan wird, als sei dieses ausschließlich Experten vorbehalten, ist etwas faul und alle Alarmglocken sollten in uns läuten … Dieses gilt gleichermaßen für Gesundheit, Ernährung oder Sport wie auch für Geldanlagen, Versicherungen oder Kommunalpolitik … So gesehen kann selbst Abnehmen als kraftvolle Metapher dienen, vom reinen Konsumdenken hin zum Denken in Systemen zu wechseln.

Sollten Sie Interesse am geschilderten sechswöchigen Programm haben, so sind Sie herzlich eingeladen, dem Autor eine kurze Email zu schreiben. Er wird Ihnen umgehend die erwähnte Excel-Datei mit weiteren Erkenntnissen kostenlos zusenden.

Wenn zwei sich streiten: Über die destruktive Wirkung von Eskalationen auf kommunalpolitischer Ebene

Von Hartmut Urban.

Konflikte sind absolut natürlich und es gibt sie selbstverständlich auch in jeder Gemeinde. Doch wann und warum eskalieren diese Konflikte? Welche „Gefechtslage“ ist prädestiniert zu eskalieren? Wer die diversen Mechanismen hin zum Konflikt und die fast schon zwangsläufige Eskalation nicht frühzeitig erkennt, wird die Folgen nicht abschätzen und den GAU nicht verhindern können.

Ein politischer Disput auf kommunaler Ebene, der in eine unsachliche, persönlich polemische Kontroverse abgleitet, hat meiner Meinung nach eine wesentliche Ursache darin, dass es zuvor eine besondere Nähe, gemeinsame Ziele sowie Erwartungshaltungen zwischen den Kontrahenten gegeben hat. Eine politische Freundschaft, die zerbricht, ein grenzenloses Vertrauen, das bitter enttäuscht wird, eine wesentliche Zusage, die nicht eingehalten wurde, all dies kann an die Substanz gehen. Sind die Kräfteverhältnisse ungleich verteilt oder findet die Auseinandersetzung nicht auf Augenhöhe statt, wird selbst schreiendes Unrecht oft leise unter den Teppich gekehrt. Der Unterlegene zieht sich zurück, der Sieger geht zur Tagesordnung über. Eine andere Situation ist dann gegeben, wenn zwei Gleichstarke aufeinandertreffen, im Extremfall bei „Alpha-Tieren“. Unsere Demokratie setzt Gleichheit voraus und schafft so gerade an der Basis, also in den Kommunen, vielfach tatsächliche oder vermeintliche, gleiche Augenhöhe. Das schnelle „Du“ verstärkt noch die Auffassung, alle seien gleich.

Anders als in der freien Wirtschaft haben Kontrahenten bei schwerwiegenderen persönlichen Konflikten auf Augenhöhe so gut wie keine Ausweichmöglichkeiten. Einkommenssicherung der Familie, verwandtschaftliche Bindungen, das soziale Umfeld, der aktuelle Schulbesuch der Kinder, das Eigentum vor Ort und vieles mehr, all das will niemand gerne freiwillig aufgeben. Was als Angriff auf die Integrität der eigenen Person und die Familie gedeutet wird, führt zudem zu einem Festhalten an Positionen, ein Sich-Verbeißen in einer Sachfrage, zu einer sturen Haltung, die keine Handlungsoptionen zulässt. Das Ego des Betroffenen ist subjektiv „gefährlich“ angekratzt. Doch genau das verstellt den objektiven Blick und lässt die nüchterne Frage nicht zu: „Worum geht es hier eigentlich?“. Rechtfertigungen werden geliefert, aber keine Lösungsansätze gesucht. Ein Kleinbeigeben kommt nicht in Frage. Die Entscheidung – so scheint es – wird also in Sieg oder Niederlage gesucht.

Politische Auseinandersetzungen mit öffentlicher Tragweite folgen nach meiner Beobachtung in vielen Kommunen einem erkennbaren Ritual. Da es im kommunalen Ränkespiel oft um Image, Reputation, gut bezahlte Posten, Karriereaussichten innerhalb der Kommunalverwaltung, den Absprung in die Wirtschaft oder in den Land- bzw. Bundestag geht, erscheint bei vermutet Gleichstarken ein Nachgeben als keine wirklich brauchbare Handlungsoption. Die Platzhirsche scharen ihre jeweiligen „Truppen“ hinter sich und blasen zum Angriff. Häufig finden solche öffentlichen Auseinandersetzungen gerade innerhalb einer Partei statt und werden oft unkoordiniert vorgetragen, laufen dann aus dem Ruder und werden zudem noch unprofessionell vermarktet, so dass die Streithähne nicht gerade im besten Licht erscheinen. Das Wahlvolk, soweit nicht über Verwandtschafts-, Freundschafts- und Vereinsbeziehungen involviert, schaut diesem Treiben erst einmal interessiert, später gelangweilt und am Ende mehr und mehr sich belästigt fühlend zu. Der Ausgang der Auseinandersetzung gerät letztlich meist zur Nebensache.

Grenzwertig wird eine eskalierende Auseinandersetzung immer dann, wenn sich der Anführer einer der streitenden Gruppen im direkten Vergleich geringere Chancen ausrechnet, weil er auf der Sachebene unterlegen, aber dafür besser vernetzt ist. Hier kommt das allseits beliebte Mittel der Intrige ins Spiel. Denn je weniger Sach- und Fachkompetenz einer mitbringt, desto mehr wird er versuchen, die persönliche Schiene gerade in Personalfragen zu fahren. Da Fachwissen eine oft trockene Materie ist, kann es, für sich genommen, wohl kaum Begeisterung auslösen. Über Personen hingegen lässt sich selbst ohne Sachverstand bekanntermaßen trefflich streiten. Hier sind Sympathie und Antipathie, Gerüchte, Gruppenzugehörigkeitsgefühle oder Proporzdenken innerhalb der eigenen Gruppierung die allgemeinen Muntermacher. Die einzelnen Steigerungsstufen einer strategisch angelegten personenbezogenen Auseinandersetzung bauen nach meiner Erkenntnis vielerorts wie folgt aufeinander auf: Erste Stufe: Der unter normalen Umständen Unterlegene macht seinem Mitbewerber unmissverständlich klar, er habe sich zurückzuziehen, will er nicht einen größeren Schaden für sich in Kauf nehmen. Der derart Angesprochene hält in aller Regel, nicht nur wegen des drohenden Gesichtsverlustes, sondern auch um die angestrebte  Position, das Amt, das Mandat nicht vorzeitig aufzugeben, spontan dagegen. Doch anstatt mit der Gegenwehr Sympathien als der offenkundig bessere Kandidat zu gewinnen, werden die wegen des Überraschungseffektes eilig eingeleiteten Gegenmaßnahmen als Racheakt von der besser vernetzten Gegenseite wohlkalkuliert öffentlich gemacht. Der unbefangene Beobachter weiß ja nichts von der gezielten Provokation unter vier Augen. Als zweite Eskalationsstufe wird nun das politische Umfeld des Kontrahenten mit der Begründung der „Selbstverteidigung“ systematisch bearbeitet, um den Gegner parteipolitisch zu isolieren. Gibt er immer noch nicht auf, wird ihm im sozialen Umfeld der Kommune „was angeheftet“ nach dem Motto „da wird schon was hängenbleiben“. Der Ideen- und Erfinderreichtum scheint gerade hier grenzenlos zu sein. In der letzten Stufe wird die Zerstörung der existenziellen Basis angedroht und notfalls auch gnadenlos verwirklicht.

Bei zwei gleichstarken Gegnern kann eine persönliche Auseinandersetzung schon mal über Jahre kräfteverschleißend dauern. Hier bleibt in aller Regel sprichwörtlich kein Stein auf dem anderen. Die Eskalation nimmt ohne Rücksicht auf Verluste ihren Lauf. Beide Kontrahenten ähneln immer mehr in ihren Aktionen „Kamikaze-Fliegern“, die verantwortungslos auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen. Beide Seiten disqualifizieren sich im Laufe der langen Auseinandersetzungen immer mehr, so dass das zuvor in sie gesetzte Vertrauen nach und nach schwindet. Im Ergebnis müssen nicht selten irgendwann beide Kontrahenten Platz machen für einen an der politisch-persönlichen unmenschlichen Schlacht nicht beteiligten Dritten. Neubeginn auf kommunaler Ebene ist nach meiner Erkenntnis nicht selten die Folge solcher eskalierten Streitigkeiten zwischen „Alpha-Tieren“, die nach ihrem Feldzug oft geschlossen mit ihren aktiven Mitstreitern einer neuen politischen Generation Platz machen müssen. Auch wenn die Zeit der Auseinandersetzungen bei allen mittelbar oder unmittelbar Beteiligten nicht nur Nerven gekostet hat, bleibt doch am Ende der Trost: „Verbrannte Erde“ ist auch in der Politik ein wirklich hervorragender Humus – für die lachenden Dritten.

Sinn und Unsinn von Traumwelten – oder: Warum unsere kindliche Fantasie auch im Marketing eine Rolle spielen kann

von Michael Weick.

Das kleine Kind spielt ruhig in seinem Zimmer mit seinen LEGO-Steinen und versucht, einen hohen Turm zu bauen. In seiner Fantasie ist es „Bob der Baumeister“ und dessen Motto lautet bekanntlich: „Yo, wir schaffen das!“ Der Turm will aber partout nicht stehen bleiben und fällt immer wieder auf die Seite… Völlig konzentriert in seinem Spiel testet das Kind immer wieder neue Wege aus, den Turm anders zu bauen. Im Nebenzimmer sitzt die Mutter am Computer und ist ebenfalls mit Spielen beschäftigt; sie hat sich bei einem Anbieter von Onlinespielen eingeloggt und dekoriert gerade ihr achtes Haus um, indem sie dieses mit virtuellem Zubehör ausstattet, das sie vorher mit ihrer Kreditkarte und „echtem“ Geld beim Betreiber der Internetplattform erworben hat…

Die Funktion der Traumwelt in Kindheit und früher Jugend
Der Volksmund meint es zu wissen, wenn er sagt: „Wenn Kinder spielen, dann sind sie gesund!“ Und tatsächlich wird das kindliche Spielen in den Wissenschaften durchweg als etwas äußerst Positives bewertet. Erlaubt dieses doch dem Kind, mit wenig Aufwand und in einem zutiefst geschützten Raum quasi als Vorbereitung für das Leben zu üben, ohne jegliche negative Konsequenzen zu fürchten. Spielerisch werden dabei eigene Erfahrungen gemacht und die ersten Erkenntnisse abgeleitet. Im schlimmsten Fall hat die geliebte Barbiepuppe anschließend keine Haare mehr oder das teure ferngesteuerte Auto liegt in hunderten von Einzelteilen auf dem Fußboden verstreut und diese können nicht mehr zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt werden…

Der Übergang von der kindlichen Traumwelt in die Welt der Erwachsenen
Es kommt der Tag, da will das aufgeweckte und neugierige Kind sich nicht weiter damit begnügen, alleine in seinem Zimmer in seiner „abstrakten“ Traumwelt zu spielen, sondern stattdessen diese verlassen, um seine Welt zu erweitern. Vielleicht können der Vater in der Garage, der gerade am Familienwagen herumschraubt oder die Mutter in der Küche, die den sonntäglichen Braten vorbereitet, Hilfe gebrauchen? Auf diese Weise kann sich der junge Mensch – noch immer in einem recht geschützten Übergangsbereich – in der Realität nützlich machen und gleichzeitig dabei neue Erfahrungen sammeln, die wiederum in weitere Erkenntnisse münden können.

Der Eintritt in die Erwachsenenwelt
Durch einen Nebenjob oder Ausbildungsvertrag erarbeitet sich der junge Mensch ein erstes Einkommen, eigenes Geld und sieht sich spätestens jetzt einer bunten Konsumwelt gegenüber, in der unzählige Produkte zum Kauf angeboten werden. Ging es beim spielerischen Ausprobieren und  in der Schule primär um das Sammeln von Erfahrungen und Erkenntnissen, so kann nunmehr nach Belieben gekauft und genossen werden, wobei hauptsächlich Erfahrungen mit den einzelnen Produkten und Dienstleistungen gewonnen und ausgetauscht werden.

Die Traumwelten der Erwachsenen
Das Arbeitsleben entpuppt sich in einigen Fällen als anstrengend oder eintönig. Nachdem gewisse Arbeitsabläufe verinnerlicht wurden, macht sich mancherorts eine Art von Routine breit, die vom Gehirn nicht sonderlich positiv bewertet wird und dieses daher nach einem Ausgleich streben lässt. Während einige in ihrer Freizeit am eigenen Haus oder Auto arbeiten, in Büchern oder Kursen etwas Neues erlernen, genießen die allermeisten Menschen ihre Freizeit in der Rolle des Konsumenten: beim Einkaufen oder Fernsehen, im Fastfood-Restaurant oder der Stammkneipe… Je nach persönlichem Gusto werden hierbei die unterschiedlichsten Gewohnheiten gebildet, die im Kern stets auch eine potentielle Suchtgefahr bergen können.

Und wie können diese Mechanismen im Marketing verwendet werden?
Bei sinnvollen und daher als normal empfundenen Produkten besteht ein natürliches Bedürfnis der Menschen, diese zu erwerben und zu konsumieren. Aus diesem Grund werden solche zumeist auch nicht sonderlich viel beworben. Anders verhält es sich jedoch bei Produkten, die dem Menschen keinen wirklichen Nutzen bieten. Da alle Menschen als Kinder die Erfahrung gemacht haben, dass die Traumwelt etwas Gutes und Normales ist und sie diese in überfordernden Augenblicken sogar als Überlebensformel zu schätzen lernten, können diese Mechanismen hervorragend in Marketing und Werbung genutzt werden, um unnütze oder sogar dem Menschen abträgliche Produkte zu verkaufen. In diesen Fällen werden die benannten Mechanismen verwendet, um den Konsumenten „Traumwelten“ anzubieten, wodurch die Menschen den Erwerb dieser Produkte positiv bewerten und mit einem guten Gefühl belohnt werden. So verleiht stark gezuckertes Wasser mit etwas Koffein und Taurin plötzlich Flügel, wo andere Limonaden nur das Diabetesrisiko zu erhöhen vermögen. Oder man denke an den „Bauch-weg-Gurt“ aus dem abendlichen Werbefernsehen, der seinem Namen alle Ehre machen soll, ohne dass der Verwender auch nur das Geringste an seinen Gewohnheiten ändern müsste…  In einigen Fällen treten gar das eigentliche Produkt und sein vermeintlicher Nutzen in den Hintergrund, damit die Traumwelt dessen Platz gänzlich ausfüllen kann. In einem solchen Fall hat sich die angebotene Traumwelt verselbstständigt, wurde gar zu einer Funktion des Menschen, und der jeweilige Anbieter muss sich nunmehr keine Sorgen um den zukünftigen Absatz dieses Produktes oder der Dienstleistung mehr machen…

Doch zurück zu der eingangs geschilderten Szene: Da erhellt sich das Gesicht des Kindes und es lächelt in sich hinein, denn der Turm steht plötzlich felsenfest auf dem Boden und neigt sich nicht mehr zur Seite. Dem Kind war kurz vorher die Idee gekommen, das Fundament des Turmes zu verbreitern und kleine Stützen beidseitig anzubringen. Nun spürt es plötzlich großen Hunger und räumt schnell alle LEGO-Steine wieder in die Kiste zurück, um alsbald danach glücklich, zufrieden und mit einer neuen Erkenntnis ausgestattet zur Mutter zu laufen…

Lernen in Systemen: Auswege aus einem Dilemma

von Sabine Stadler.

Erst kürzlich haben die Krankenkassen Alarm geschlagen, dass die psychischen Erkrankungen von Arbeitnehmern dramatisch zunehmen. Seit etwa 20 Jahren weiß man, dass sich die Arbeitswelt in einem Änderungsprozess befindet. Man kann den Wandel sogar detailliert beschreiben. Auch nicht neu: Verhaltensauffälligkeiten von Kindern nehmen kontinuierlich zu. In den letzten Jahren dazugekommen: Die Bologna-Reform war gut gedacht, hat aber unerwünschte Nebenwirkungen hervorgebracht. Eltern sind unermüdlich auf der Suche nach “Angeboten” für ihre Kinder, um sie – ja, wofür eigentlich? – fit zu machen.

Wenn wir unsere Kinder in 20 oder 30 Jahren fragen, wie sie ihre Kindheit erlebt haben, werden sie uns möglicherweise erstaunt ansehen: Welche Kindheit? – Meint ihr die paar Jahre, bevor der “Ernst des Lebens” begann? Dieser Zeitpunkt ist nicht genau datierbar, für manche endete der unbeschwerte Teil ihrer Kindheit mit Beginn der Grundschule oder auch des bilingualen Kindergartens, spätestens aber mit Eintritt in eine weiterführende Schule.

Erwachsene, die ihre Kindheit in den 60er oder 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verbrachten, hatten vor allem: Zeit und Raum. Ihre Eltern waren vorzugsweise mit eigenen Dingen beschäftigt, materieller Reichtum war selten im Überfluss vorhanden und Kinder waren einfach nur Kinder. Und die sollten sich nach Möglichkeit selbst beschäftigen und ansonsten pünktlich zum Essen zu Hause sein. Schule spielte keine so große Rolle, lediglich “Sitzenbleiben” war zu vermeiden, aber irgendwie war immer klar, dass aus jedem etwas werden würde. Und dies traf auch für die meisten zu. Die Kinder verbrachten ihre Zeit mit Gleichaltrigen, mussten ihre Freizeit selbst organisieren und gestalten, hatten Plätze in der Natur, an denen selten Erwachsene auftauchten, konnten vieles ausprobieren, selber machen und Erfahrungen sammeln. Das funktionierte in der Regel sehr gut und ganz nebenbei erwarben sie wertvolle Kenntnisse: Sie lernten, die unterschiedlichsten Themen anzugehen, Strukturen zu schaffen, Über- und Unterordnungen zu bilden, Konflikte zu lösen, Prioritäten zu setzen, ohne dass ihnen dies aufgetragen oder vermittelt worden wäre. Natürlich und systemisch. Von Kompetenzen sprach damals noch niemand, aber die jungen Menschen waren fit fürs Leben.

Heute machen sich unzählige Menschen im Einzelnen und zahlreiche Institutionen Gedanken, wie die Kinder von heute zu sein haben und was sie an Kompetenzen brauchen, um das Leben von morgen erfolgreich zu bestehen. Interessanterweise sind das oft Menschen, die eine “förderliche” Kindheit erlebt haben. Warum? Haben die starken Eltern von heute so wenig Vertrauen in ihre Kinder oder so viel Angst vor der Zukunft, dass sie glauben, Kinder würden nur erfolgreich, wenn man sie bzw. die wichtigen Kinderjahre nur energisch genug (ver-)plante? Manchmal erinnern die Erwachsenen auch ein bisschen an Ärzte: Sie diagnostizieren ständig Dinge, die nicht in Ordnung sind, stellen jede Menge Symptome fest, an denen “das System” krankt, und tun was? Geben gute Ratschläge, verabreichen Medizin (gerne auch homöopathisch für das bessere Gefühl), verbinden Wunden und suchen Schuldige bzw. die Ursachen woanders. Sie vergessen dabei allerdings, dass sie Teil des Systems sind, das sie ständig kritisieren, und zwar maßgeblich.

Was also könnte man tun? Gibt es eigentlich niemanden, der sich die Frage stellt, was man grundsätzlich ändern könnte? Doch, die gibt es: Eltern, die ihre Kinder “machen lassen”. Die sie nicht in ein Korsett zwängen aus eigenen Wünschen und fremden Zielen. Die sich freuen zu sehen, wie sich ihre Kinder aus eigenem Antrieb entwickeln, welche Talente sie entfalten und wie sie sich die Welt erschließen. Die den Kindern die Möglichkeit geben, ihre eigenen Erfahrungen – auch negative – zu machen. Die Vertrauen haben in ihre Kinder und unterstützen oder eingreifen, wenn Bedarf besteht, statt alles vorher festzulegen. Meist sind das sehr unaufgeregte und gelassene Eltern (nicht zu verwechseln mit laisser-faire), die sich – oft ohne dass ihnen das bewusst ist – selber natürlich und systemisch verhalten. Die ihren Kindern genau dieses vorleben und sie von Anfang an in viele ihrer Aktivitäten einbeziehen. Das kann ein Besuch im Deutschen Museum sein, wo sich Väter und Kinder vorher überlegen, was sie konkret anschauen wollen, eventuelle offen gebliebene Fragen zu Hause klären und als Abschluss den Müttern den modernen Tunnelbau erklären. Man kann Kinder Rad- oder Bergtouren planen lassen und im Urlaub dem in Erwartung langweiliger Besichtigungen üblichen Gemaule vorbeugen, indem man auch sie zu ihren Wünschen und Interessen befragt und diese dann auch ernst nimmt und umsetzt. Kinder, die mitwirken dürfen, lernen nicht nur, sondern erfahren auch ein natürliches Gefühl für Wertschätzung und Selbstwirksamkeit, das wiederum die Basis für weitere Ideen, Motivation und Ausdauer ist.

Auch in den Schulen gibt es inzwischen viele Ansätze für Lernen in Systemen, oft in Projektform und auch fächerübergreifend. Auch wenn manche Lehrer den Sinn noch nicht erkannt haben und lieber ihren persönlichen Arbeitseinsatz beklagen, der in der Anfangszeit vor und nach Einführung solcher Projektarbeit zweifellos vorhanden ist. Der Weg ist aber auf jeden Fall zu begrüßen. Oft entstehen im Laufe der Projekte Initiativen oder sogar Schülerfirmen, die erfolgreich sind und auch nach Abschluss des Projekts weitergeführt werden. Auch hat man sich in manchen Schulen auf die Erkenntnis besonnen, dass das, was man selber erfahren, durchdacht oder erarbeitet hat, am besten im Gedächtnis verankert wird. “Selbst organisiertes Lernen” ist das Stichwort, das – auch – wieder dorthin zurückführt, von wo viele ein bisschen abgekommen zu sein scheinen: selber zu denken, zu überlegen, wer sie eigentlich sind und was sie wollen. Sich Ziele zu überlegen, die zu ihnen passen und schauen, wie sie sie erreichen können. Nicht immer nur zu konsumieren und zu kritisieren oder zu erwarten, dass man ihnen Angebote macht, die sie nur anzunehmen oder abzulehnen brauchen. Agieren statt reagieren – und das geht systemisch definitiv angenehmer!

Was müssen Bürger wissen, um aktiv und unverdrossen unsere Demokratie zu leben?

Von Hartmut Urban.

Deutschland ist gegliedert in Bund, Länder und Gemeinden. Abgesehen von den kreisfreien Städten gibt es dann noch Landkreise. Die öffentliche Hand ist hoch verschuldet, oft am Rande der Handlungsfähigkeit. Ohne sog. „freie Spitze“ gibt es beispielsweise in Kommunen keinen politischen Gestaltungsspielraum. Allgemeine Politikverdrossenheit macht sich breit. Politische Entscheidungsprozesse werden oft nicht verstanden. Haben die Bürgerinnen und Bürger ein Recht, mehr und bessere Informationen beispielsweise aus den Kommunen, wo sie zu Hause sind, geliefert zu bekommen?

Menschen fühlen sich in konkreten, überschaubaren Zusammenhängen deutlich wohler als in abstrakten. Ob Heimat oder Wahlheimat spielt da eine untergeordnete Rolle. Wo der Lebensmittelpunkt ist, will man informiert sein, also sich orientieren können. Die möglichen Bezugsrahmen sind Nachbarschaft, die Arbeitskollegen, Freunde und Verwandte in der Nähe, Freunde und Bekannte in Vereinen und anderen Gemeinschaften, aber auch lokale Größen der Politik und des gesellschaftlichen Lebens. Neben Menschen bietet auch die gewohnte Landschaft rund um den Wohnort selbst oft ein Gefühl von Behaglichkeit und Zugehörigkeit.

Je weiter wir uns aus unserem Bezugsrahmen entfernen, desto befremdlicher werden Mensch und Umwelt. Wie sehr wir tatsächlich an unserer Stadt, unserem Dorf, Stadtteil oder Bezirk emotional hängen, beweist allein schon der langjährig geübte Blick in die Tageszeitung. Nicht die überregionalen Themen aus Politik und Wirtschaft interessieren zuallererst, sondern der Lokalteil und dort insbesondere der Teil, der uns betroffen macht, wo wir uns auszukennen glauben, wo wir auch schon mal mitreden wollen. Bereits das Nachbardorf kann unsere Aufmerksamkeit nicht in dem Maße erregen wie unser eigenes. So fokussieren nach meiner Beobachtung viele Bürgerinnen und Bürger ihr vitales Interesse klar auf den konkret erlebbaren Bezugsrahmen und bieten damit der Politik Gelegenheit, dieses Bedürfnis in geeigneter Form zu bedienen.

Die gedruckten Tageszeitungen mit Lokalteil haben in der Vergangenheit dieses Informationsbedürfnis bedient. Nicht erst, seitdem das Internet seinen unbestreitbaren Siegeszug angetreten hat, nehmen die Auflagen der Kaufzeitungen und parallel dazu die Anzeigenaufkommen stetig ab. Zeitungssterben, Zusammenlegungen von Redaktionen, Beschäftigung immer weniger qualifizierter Redakteure, dagegen freier Mitarbeiter ohne hinreichend journalistische Vorkenntnisse sind die Folgen. Glaubte man bisher, diese immer größer werdende Informationslücke lokaler Themen für alle Bevölkerungskreise durch das Internet hinreichend schließen zu können, sieht man sich darin inzwischen weit getäuscht.

Der demographische Wandel, der in seinen Auswirkungen die Kommunen vor kaum lösbare Probleme stellt, verhindert auch den tatsächlichen Informationsfluss mehrheitlich hin zum betagten Bürger, weil das Internet nicht jedermanns Sache ist. Ältere Menschen, gewohnt haptisch-visuell ein Druckerzeugnis in den Händen zu halten, können sich in aller Regel nicht so sehr mit den neuen Kommunikationsarten anfreunden wie ihre Kinder und Enkelkinder und fühlen sich folglich nicht hinreichend informiert oder gar respektiert. Da aber genau diese Zielgruppe stetig wächst und bei Wahlen den Ausschlag geben kann, sollte für die Politik Handlungsbedarf geboten sein. Die altbewährte Arbeitsteilung, Politiker machen Politik und die Zeitungen schreiben darüber, funktioniert eben nur noch sehr begrenzt.

Was ist zu tun? Die Kommunen selbst müssen sich der Pflicht stellen, lokale Informationen so zu verbreiten, damit sie die Bürger und insbesondere die älteren Mitmenschen, die gewohnt sind, Gedrucktes zu lesen, wirklich erreichen. Wer die Hoheit über die Informationen in einer Gemeinde aufgibt oder nicht zu erringen versucht, läuft Gefahr, auf Dauer nicht genügend wahrgenommen und letztlich abgewählt zu werden und erweist zudem der Demokratie einen Bärendienst. Der demographische Wandel wird ganz sicher viele der heutigen Politiker wegspülen, die die Zeichen der Zeit verschlafen.  Ein gigantischer Umbruch wartet auf vielerlei politische Antworten. Die lokal transparente, dem Bedürfnis der Bürger entsprechende Informationsbereitstellung ist nur eine davon. Die Bürger werden es diesem neuen Typ von verantwortungsvolle Politikern durch ihr Vertrauen danken.

Hoheit über die kommunale Informationsverbreitung – ein wirklich starkes Instrument

Von Hartmut Urban.

Viele Politiker beklagen, dass sie nicht, nicht genügend oder verfälscht mit ihren Aussagen, Leistungen oder ihren Veranstaltungen in den zuständigen Zeitungen erscheinen. Sie fühlen sich „der Vierten Gewalt im Staat“ oftmals geradezu ausgeliefert. Woran liegt das und lohnt der Aufwand, auf die Berichterstattung in Produkten bestehender Zeitungsverlage Einfluss nehmen zu wollen?

Kurt Tucholsky schrieb einmal ironisch: „Ich glaube erst an meinen Tod, wenn ich ihn in der Zeitung lese.“ Er nahm mit dieser Zuspitzung den allgemeinen Glauben an den Wahrheitsgehalt in Zeitungen aufs Korn. Was können beispielsweise Bürgermeister in ihrem kommunalen Umfeld konkret tun, damit die Bürgerinnen und Bürger ihren Botschaften und Leistungen wirklich unverfälscht erfahren?

Bereits die inhaltlich-ideologische Grundausrichtung wird bei Zeitungsverlagen von dem bestimmt, der das Kapital zur Verfügung stellt. Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi sind nur die sichtbare Spitze eines für die Betroffenen gefährlichen medialen Eisbergs. Die viel beschworene Pressefreiheit wie auch die konkrete journalistische Meinungsfreiheit sind Feigenblätter, die die realen Entscheidungsabläufe in den Redaktionen eher verschleiern, anstatt sie zu garantieren. Wer etwa als Politiker der „falschen Partei“ angehört, in Ungnade gefallen ist, oder dessen Story höhere Auflagen verspricht, hat sprichwörtlich „schlechte Karten“.

Zeitungen und Zeitschriften sind Produkte, die stark vom Verkauf abhängig sind. Folglich richtet sich der Inhalt, mehr oder weniger gefiltert durch die inhaltlich-ideologische Grundausrichtung, nach dem prognostizierten „Bedarf an Neuigkeiten“ und nicht nach der Wahrheit, wie sie selbst vom Redakteur klar und deutlich gesehen wird. So gibt es meist zwei Ereignisse: erstens das reale, wie es sich zugetragen hat, und zweitens das, wie es in der Zeitung für den Leser, der nicht dabei war, verfälscht dargestellt wird. Oft genug haben diese beiden Ereignisse nichts, aber auch gar nichts miteinander gemein. Der Wettbewerbsmarkt selbst entscheidet letztlich, welche Berichterstattung wie erscheint. Abonnenten, Einzelausgabenkäufer und Anzeigenkunden nehmen durch ihre Entscheidungen, dem jeweiligen Blatt weiter zu folgen, bewusst oder auch ungewollt Einfluss. Und das ist letztlich „natürlich“, denn schließlich lebt die Zeitung von den zahlenden Lesern wie Anzeigenkunden.

Wer also Einfluss nehmen möchte auf die Informationspolitik in einer bestimmten Region, muss die Mechanismen kennen und dann entscheiden, wie viel Aufwand er betreiben möchte, den gewünschten Erfolg zu erzielen. Da sind zuerst die Leser. Mit Leserbriefen kann man in geringem Maße Einfluss nehmen. Doch die Leser unter einen Hut zu bringen, um mit dieser geballten Macht die Inhalte der Zeitung zu bestimmen, kommt der Quadratur des Kreises gleich. Wer das schafft, bräuchte die Zeitung nicht mehr, denn er hätte ja schon die Meinungsführerschaft, die normalerweise erst über die gezielte Berichterstattung in der Zeitung angestrebt wird. Auch die Anzeigenkunden verfolgen eigene, oft in der Gruppe der Inserenten entgegengesetzte oder konkurrierende Interessen. Auch hier ist eine Bündelung der Kräfte ein nahezu aussichtsloses Unterfangen.

Bleibt als einziger Ausweg die Gründung eines öffentlich-rechtlich offiziellen oder die kontrollierte Nutzung eines privatwirtschaftlich offiziösen Publikationsorgans der jeweiligen Kommune, die dem Herausgeber „Bürgermeister“ mit seiner Informationspflicht an die Bürgerinnen und Bürger ungefiltert folgt. Solche Publikationsorgane werden sinnvollerweise als Amtsblätter, kombiniert mit Redaktion und Anzeigenteil, kostenneutral für die Gebietskörperschaft periodisch erstellt und sie informieren die Bürgerinnen und Bürger von Amts wegen „gefühlt“ neutral. Da diese Publikationsorgane nicht oder nicht so stark den Marktgesetzen der Profitoptimierung folgen, können sie es sich leisten, lokale Themen informativ in breiterer Form darzustellen. Damit kommen sie dem Informationsbedürfnis der Bürgerinnen und Bürger, die ja gleichzeitig auch Wähler sind, optimal entgegen. Wer als Amtsträger über ein solches Instrument verfügt und es nicht allzu sehr zur eigenen öffentlichen Beweihräucherung missbraucht, hat mit der Zeit alle gesellschaftlichen Gruppen hinter sich, weil auch diese im Blatt erscheinen wollen, und braucht sich um die eigene Wiederwahl wahrlich keine Sorgen zu machen.

Die echte lokale oder regionale Informationshoheit, die weit über die Beeinflussung der „Meinungshoheit an den Stammtischen“ hinaus geht, verschafft dem Herausgeber des Publikationsorgans die einmalige Möglichkeit, sehr effizient gestalterisch politisch tätig zu sein und die deutliche Mehrheit der Bürger dabei inhaltlich wie emotional mitzunehmen. Ein Traum, den Amtsinhaber vielerorts nur deshalb (noch) nicht in die Realität umgesetzt haben, weil sie nicht genau wissen, wie sie dies konkret anzugehen haben und wer sicherstellt, dass ein solches Instrument langfristig angelegt, auch wirklich die gewünschten Erfolge bringt.

Mit Spielcasinos die Wirtschaft verstehen – oder: „Wenn der Angler zum Fisch wird…“

von Michael Weick.

Wie Pilze sprießen sie gerade vielerorts aus dem Boden: Private Spielcasinos. Aus den einst verpönten Spielhallen und Spielotheken haben sich moderne, Lounge ähnliche Einrichtungen entwickelt – was exemplarisch auch die „Spiel Stations“ zeigen, mit rund 180 Centern einer der führenden Anbieter der deutschen Automatenwirtschaft. An Autohöfen entlang der Autobahnen, in den Innenstädten, ja sogar auf Flughäfen und Bahnhöfen trifft man auf Spielcasinos und fragt sich: Was verbirgt sich hinter diesem Geschäftsmodell? Und noch spannender: Kann ein Spielcasino als Beispiel dienen, die Wirtschaft zu verstehen? Der nachfolgende Bericht hält einige Antworten auf diese Fragen für Sie bereit!

Aus Sicht eines „spielenden Gastes“ könnten Spielcasinos dem „Schlaraffenland“ gleiche Einrichtungen sein: Man wird freundlich empfangen, findet eine saubere und hübsch eingerichtete Spielstätte vor, wird von freundlichen Damen mit Getränken, Snacks und mancherorts sogar Zigaretten versorgt und bekommt zusätzlich noch die Möglichkeit, mit einem geringen Einsatz von ein paar Euros und etwas Glück bis zu 1.000 EUR zu gewinnen.
Manch einer gibt sich der Illusion hin, dem Glück durch seine besonderen Fähigkeiten auf die Sprünge zu helfen, das Spiel gar zu steuern. Andere hingegen begnügen sich damit, ihren Problemen in der Realität zu entfliehen – laut Studien fallen allein in Deutschland bis zu einer halben Million Menschen durch krankhaftes oder problematisches Spielverhalten auf. Alle Gäste zusammen verspielen heute fast doppelt so viel Geld wie noch vor sechs Jahren.

Die Betreiber dieser Spielstätten hingegen freuen sich über etwa 40 % aller Geldeinsätze, die  ihnen aufgrund von Gesetzen zufließen; kumuliert sind das pro Jahr Umsätze in Höhe von etwa 4,2 Milliarden Euro, eine durchaus stolze Summe. Große Anbieter, wie die eingangs erwähnten „Spiel Stations“, sind dabei wie Einzelhandelsketten organisiert.

Die Hersteller der Geldspielgeräte, von denen in Deutschland insgesamt 242.000 Geräte im Einsatz sind, arbeiten vielerorts mit Leasingbanken zusammen und lassen die neusten psychologischen Erkenntnisse, wie die spielenden Gäste möglichst lange an den Automaten gehalten werden können, in die Entwicklung mit einfließen.

Der Gesetzgeber bekommt von den Betreibern neben Umsatz- und Ertragssteuern auch eine „Vergnügungssteuer“ pro aufgestelltes Geldspielgerät, die alleine der jeweiligen Kommune zufällt und erklärt, warum es so einfach geworden ist, neue Spielcasinos zu begründen. Daneben wurde 2006 die Spielverordnung gelockert, wodurch es möglich wurde, mehr Geräte pro Spielstätte aufzustellen, die zusätzlich auch noch höhere Gewinne auswerfen dürfen.

Die Verbände der Automatenwirtschaft betreiben Lobbyarbeit zum Gesetzgeber hin und haben es als größten Erfolg vor einigen Jahren geschafft, das drohende Aus der gesamten Automatenwirtschaft zu verhindern. Ja, sie haben sogar bewirkt, dass die Spielverordnung gelockert wurde und viele Vorgaben aus dieser durch das sogenannte „Punktespiel“ umgangen werden können. Zusätzlich konnten zwei eigene Berufsbilder für Ausbildungsberufe erwirkt werden, wie dieser Weg bereits früher von der Systemgastronomie beschritten wurde.

Bleiben am Ende noch die Geldspielgeräte übrig, die es schaffen, den Spielanreiz durch Ton- und Lichteffekte zu verstärken und durch eine Ausschüttungsquote von ungefähr 60 % das Geschäftsmodell am Laufen zu halten. Nach zwei Betriebsjahren werden die Geräte aktuell noch erstmalig von staatlicher Seite überwacht und zumeist vom Betreiber nach vier Jahren entsorgt.  Damit ein Automat Gewinne in Höhe von 500 EUR ausspucken kann, muss er zuvor mit rund 830 EUR „gefüttert“ werden. Schon nach kurzer Spieldauer fesselt der Automat seinen Spieler durch suggerierte „Fast- oder Beinahegewinne“, wobei sich oftmals beim Menschen ein gutes Gefühl einstellt, obwohl faktisch gar nichts gewonnen wurde. Da man aber gerade den Jackpot nur ganz knapp verpasst hat, wird weitergespielt, bis der Automat auch den letzten Euro vereinnahmt hat.

An dieser Stelle endet dann die Bewirtung des Gastes. Dieser besorgt sich entweder ganz schnell neues Geld oder fährt traurig nach Hause.